| Bericht 126: Unter Adlern |
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Im September vor einigen Jahren hatte ich meinen Vater begleitet, als dieser sein jährliches Murmeltier erlegen wollte. Ich schlug ihm vor, doch einmal ins „Falls-Tal“ und dort hinauf ins „Weit-Tal“ in die Richtung KollmerSpitz“ zu gehen, dort, wo eigentlich im Normalfall keiner auf die Murmeltiere Jagd. Es ist dorthin zwar nicht so weit, aber umso beschwerlicher! Man kann bei jedem Schritt den Boden mit der Hand berühren. Es gibt dorthin eigentlich nicht einmal einen richtigen Weg, aber es ist nicht unbedingt gefährlich, ich war auch schon im tiefsten Winter dort oben. Heute sollte es das Wetter aber nicht unbedingt gut mit uns meinen. Im Tal noch bei schönem Wetter gestartet, erwartete uns in dieser Höhe ein ungemütliches Ambiente: Nieselregen, Nebel und Kälte. Wo ich einige Wochen vorher noch einige sehr gute Murmeltiere gesehen hatte, war heute nichts zu sehen. Na ja, es ist den Pelztierchen auch nicht zu verdenken. Es ist sicher recht gemütlich in dem Bau, wo sie sich gegenseitig aufwärmen konnten! Nur wir zwei saßen unter einem Felsvorsprung, der uns leidlich Schutz vor dem kühlen Nass gewährte. Ich hatte damals nicht ganz wasserdichte Bergschuhe angeschnürt und war gerade dabei, meine Socken, bzw. Strümpfe auszuziehen und auszuwringen, als der Nebel etwas aufriss. Natürlich suchten wir schnell unsere Umgebung ab um vielleicht doch noch ein Murmel zu entdecken, das sich bei dem Sauwetter nach draußen verirrt hatte. Aber vergeblich – so sehr wir uns auch unsere Augen in das Glas steckten, wir konnten keine „Furmenten“ hervorzaubern. Aber ich konnte etwas anderes entdecken. Ein gutes Stück oberhalb sah ich einen Adler fliegen, was ja bei uns bei weitem keine Seltenheit ist. Der Steinadler ist hier weit verbreitet und wird auch des öfteren in grösserer Zahl gesehen (3 oder 4 Stück sind keine Seltenheit!). Ich freue mich jedes mal wieder, wenn der mächtige Vogel im hochalpinen Raum seine Kreise zieht. Ich bemerkte dort oben, wo ich vornhin für kurze Zeit den Steinadler entdeckte noch mehrere Kolkraben (im Volksmund „Aasrabe“ genannt), die immer wieder auf einem Platz niederstießen, der von unserer gegenwärtigen Position aus nicht einblickbar war. Da ja bei der Murmeljagd heute ohnehin nicht mehr viel zu erwarten war, beschloss ich, der Sache auf den Grund zu gehen, denn da oben lag sicherlich irgendein Aas. Vielleicht handle es sich um eine abgestürzte Gams? Ohne Gewehr und Rucksack ging es relativ schnell. Ich war (und bin es auch heute noch nicht) nicht schwindelfrei, aber bis zu einem gewissen Grad kann ich einen Berg schon beklettern. Bald hatte ich die Höhe erreicht und wollte gerade über die Kante, als keine 10 Meter ober mir ein Adler majestätisch hinwegstrich. Deutlich sah ich die einzelnen Schwungfedern am Ende der Schwingen, die sich im Wind etwas aufwärts bogen. Ich hörte das mächtige Tier nah ober mir durch die dünne Luft rauschen. Ich konnte den Vogel in den wenigen Sekunden von solcher Nähe aus beobachten, dass ich sogar Einzelheiten, wie den markanten Schnabel, der schräg nach vorne in den Nebel stach; ich bildete mir ein sogar die gelben Seher erkennen zu können, mit denen er die Bergwelt nach seinem einzigen möglichen Feind, dem Menschen, absuchte. Ein anderer Steinadler saß auf einem kleinen Felsen aufgedockt, auch nicht viel weiter weg. Dieser strich auch sofort ab als ich meinen Kopf über den Rand steckte. Ich hatte zwar bereits mehrmals Adler in Vogelpflegestationen usw. gesehen, aber mit dem Flug in freier Natur mit entsprechendem Hintergrund ist dies nicht vergleichbar. Ein Anblick, den ich gewiss nie mehr vergessen werde. Kurze Zeit später entdeckte ich einen weiteren Steinadler, der etwas weiter entfernt das Weite suchte. Ich hatte richtig Herzklopfen von der nahen Begegnung mit dem König der Lüfte. Ich weiß natürlich nicht, wie es den drei Raubvögeln in diesem Augenblick entging, als sie mich in so kurzer Entfernung entdeckten, aber für mich war es ein einmaliges Erlebnis! Weiters waren noch sicherlich 15 bis 20 Kolkraben anwesend, die immer wieder auf einen Tierkadaver niederstiessen. Ein Schaf war abgestürzt und an dieser Stelle liegengeblieben. Das Tier war in dem Augenblick bereits zur Hälfte „konsumiert“ und es wird sicherlich nicht mehr lange gedauert haben, bis der gesamte Tierkörper von unseren Gesundheitspolizisten beseitigt worden ist, denn auch der Fuchs wird sich hier seinen Anteil noch holen. Bevor ich mich zurückzog merkte ich mir noch Nummer und Farbe der Marke des Schafes, um dies eventuell im Tal mitzuteilen, da ein abhanden gekommenes Tier oft über mehrere Wochen in den unübersichtlichen Gebieten gesucht wird. Somit konnte ich vermeiden, dass unser Gamsgebiet noch mehr gestört wird, als es bereits durch die Anwesenheit von unzähligen Ziegen und Schafen geschieht! Unzählige Ziegen und Schafe durchkämmen, von März bis November unsere Berge und auch deren Besitzer schauen in kurzen Abständen nach ihrem Vieh. So wird unser Wild sogar noch in dieser Höhe (zusätzlich zum Jäger) vom Menschen gestört! Aber dies nur nebenbei. Als ich zurück zu meinem Vater kam musste ich ihm natürlich das Erlebte erzählen, von dem er, bedingt durch den Nebel nichts mitbekam, obwohl er sich nicht allzu weit unterhalb der Fundstelle des Kadavers befand. In Anbetracht unseres ungemütlichen Befindens brachen wir unsere Jagdstreifzug bald ab, um uns zu Hause aufzuwärmen und zu trocknen. Auf jeden Fall ein Erlebnis, das zwar ohne Schuss und ohne Beute abging, jedoch trotzdem eine wertvolle Erfahrung darstellt. Wer weiß, wie viele Generationen nach uns, noch solche Anblicke erleben können. Bericht und Foto: Diether Platzgummer |