| Bericht 97: Der Gamsjahrling |
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Der Rehbock war erlegt, einige Tage vergangen und die Trophäe zierte bereits die Wand in meinem Wohnzimmer, da trieb es mich erneut auf die Jagd hinaus. Gamsjagern war nun angesagt. Nach dem Rehbock war ich dieses Jahr auch auf den Gamsjahrling eingeteilt und so verabredete ich mich mit meinem Jagdkollegen Reinhart, ebenfalls Gamsbegleiter so wie ich, um gemeinsam auf Gams zu gehen. Es hat schon ein paar Anläufe gebraucht. Einmal war alles dabei nur kein Jahrling, ein anderes Mal war es einfach zu weit und ein sicherer, weidgerechter Schuss unmöglich, oder der Jahrling stand breit und auf Schuss, war aber viel zu „gut“ und wir wollen ja die schwachen Stücke aus dem Bestand nehmen. Ein weiteres Mal war der Gamshüter, der Nebel, dafür verantwortlich dass wir uns nach mehreren wunderschönen Jagdtagen ohne Abschuss auf dem Heimweg machten. Am 14. August sollte es jedoch etwas anders ausgehen. Wir waren am Vorabend ein Stück aufgestiegen um uns zu vergewissern wo die Gamsen stehen und so machten wir uns früh morgens auf zum „Zirm“ wo wir am Vorabend die Gamsen gesehen hatten. Als wir nach zwei stündigem Aufstieg das Gamswild und darunter auch noch zwei passende Jahrling auf der gegenüberliegenden Talseite vorfanden, war die Enttäuschung vorerst groß, doch der immer heftiger wehende Nordwind machte uns erneut Hoffnung da sich das Gamswild bei Nordwind gerne auf unserer, vom Wind etwas geschützten Bergseite, einstellt. Wir verbrachten zwei schöne, gemütliche Stunden auf einem Felsvorsprung in der Sonne. Mit Hirschwurst, Brot und einem guten Wein und nicht zuletzt mit sorgfältigem Ansprechen der Gamsen, vertrieben wir uns die Zeit, bis plötzlich das ganze „Graffl“ langsam aber scheinbar zielsicher in unsere Richtung zog.
Gaisen mit Kitze eine Geltgais gefolgt von einer Zweijahrigen und schließlich die beiden Jahrling. Ansprechen!! Durch das Spektiv konnten wir einen sehr starken Bockjahrling und einen recht schwachen Gaisjahrling erkennen und unsere Wahl fiel zweifellos auf den Gaisjahrling der zudem noch ein etwas struppiges Haarkleid zu haben schien. Beinahe hätte uns ein Steinadler noch einen Strich durch die Rechnung gemacht der plötzlich über dem Grat auftauchte und etwas Unruhe in die Gruppe brachte. Doch als der Steinadler über uns hinweg Talauswärts flog beruhigte sich das Gamswild schnell. Ich legte mein Spektiv beiseite und mit Hilfe einiger Steine und dem Rucksack wurde kurzerhand eine passende Auflage zurecht gerichtet und das Gewehr in Anschlag gebracht. Durch das Glas meiner Waffe verfolgte ich den „Auserwählten“ bis er aus der Wand stieg. Als der Jahrling breit und ruhig stand stach ich ein. Wie auf einem Gemälde stand er auf einem flachen Stein und verfolgte neugierig das spielen der Kitze in der Wand. „240 Meter“ flüsterte mir Reinhart zu: „Iats stand er guat.“ Der Schuss brach. Der Jahrling fiel wie ein Stein zu Boden und blieb regungslos liegen. „Guter Schuss, Weidmannsheil, Armin – Guat, der liegt“ hörte ich Reinhart. Erleichtert griff ich zum Fernglas und beobachtete den Jahrling, der regungslos auf dem flachen Stein lag auf dem er vorher stand. „Gams tot“ antwortete ich meinem Begleiter, „Weidmannsdank“. Nach einer im steilen, unwegsamen Gelände etwas gefährlichen Bergung setzten wir uns erneut in die Sonne und genossen bei einer kleinen Brotzeit den herrlichen Sommertag und die gewaltige Aussicht. Vergessen, der anstrengende Aufstieg, das lange, angespannte warten und die Anspannung vor dem Schuss, schnürte ich den Jahrling auf meinen Rucksack und wir stiegen ab ins Tal - nicht jedoch ohne einen ehrfürchtigen Blick zurück auf die majestätischen Grate und die imposanten Felsen auf denen das immer wieder aufs neue faszinierende Gamswild seine Fährte zieht und unerschrocken seit eh und je den Naturgewalten zu trotzen vermag.
Weidmannsheil
Bericht und Foto: Armin Raffeiner, Jagdrevier Latsch |