Der Abschussplan als Wille und Vorstellung

Diplombiologe Fasel Michael  
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Michael Fasel, Jahrgang 1957, ist Biologe / Zoologe und hat sich vor allem spezialisiert für Fragen der alpinen Ökologie. Er arbeitet seit 19 Jahren auf dem Amt für Wald, Natur und Landschaft der Regierung des Fürstentums Liechtensteins. Dort ist er zuständig für die Abteilung Naturschutz und naturkundliche Forschung. Während der letzten 16 Jahre leitete er auch die Abteilung Jagd und war zuständig für die Jägerausbildung. Er hat also das Privileg, seine berufliche Tätigkeit in einem Dreieck aus Wald, Naturschutz und Jagd auszuführen, eine Kombination, die erfahrungsgemäss ein hohes Potenial an Konflikten aufweist. Konflikte, die häufig auf gegenseitiger Intoleranz oder auf Unkenntnis beruhen. Michael Fasel ist mit Leib und Seele Jäger

„Hin und wieder will ich mal was Rechtes schiessen“ antwortete mir ein Jägerkollege auf die Frage, was für ihn denn bei der heutigen Jagdausübung das Besondere darstelle. Kahlwild, Spiesser, Jährlinge und Rehgeissen zu jagen sei ja gut und recht und auch notwendig, aber wirkliche Freude kommt auf, wenn das geschossene Stück eine ansprechende „Krone“ trägt. So wie meinem Kollegen, geht es vielen anderen Jägern auch. Der Trophäenwunsch hat eine erstaunlich starke Wirkung auf die Aktivitäten der Jägerinnen und Jäger aber auch auf behördliche Jagdvorschriften. Die staatliche Festlegung von Abschussplänen in einigen deutschsprachigen Ländern richtet sich in unterschiedlich starkem Masse auf die „Hege“ von Trophäenträgern aus. Auf die Frage, ob das sinnvoll und in der Praxis auch durchführbar ist, soll in diesem Beitrag eingegangen werden. Besprochen wird hier beispielhaft die Situation bei den Cerviden Rothirsch und Reh

Trophäensehnsucht:   In allen deutschsprachigen Ländern haben die Jagdvereinigungen auf direktem oder indirektem Weg ein gewisses Mitspracherecht bei der Festlegung von Abschussplänen und bei der Formulierung von jagdlichen Richtlinien. Die Wünsche und Vorstellungen von Jägern prägen also bis zu einem gewissen Grad den Inhalt der staatlichen Jagdvorschriften. Alle Jäger und Jägerinnen mit einer mehrjährigen Erfahrung wissen, dass die Mysthik von Hörnern und Geweihen, die Anerkennung die eine kapitale Trophäe dem Erleger einbringt, Triebfedern für ein jagdliches Verhalten sind, das sich nach Kriterien menschlicher Wunschvorstellungen richtet und weniger nach den effektiven Bedürfnissen und Vorgaben der Wildtiere. Dabei soll hier der Trophäe keineswegs die Faszination abgesprochen werden, die sie ja in Wirklichkeit hat. Aber es erscheint mir von grosser Wichtigkeit zu sein, dass diejenigen Aspekte der Jagd und der Hege, die nichts mit Trophäen zu tun haben, mindestens ebenso ernst genommen werden – und dieser Aspekt ist in jagdlichen Kreisen oft zu vermissen, oder wird nur als Alibifunktion ausgeübt.

Mittelklasse schonen:  In allen mir bekannten staatlichen  Jagdvorschriften werden die Abschusspläne der männlichen Cerviden detaillierter geregelt als beim weiblichen Wild. In erster Linie geht es darum, Jäger und Jägerinnen dazu zu bringen, ihre Abschüsse in einem ausgewogenen Geschlechterverhältnis und in den richtigen Altersklassen zu tätigen. Es wird in der Regel nicht verhindert, dass die Grösse und die Form der Trophäe zum entscheidenden Faktor für die Auswahl des Abschusses wird. Die heute noch üblichen Vorschriften über die Einhaltung von Altersklassen beim Abschuss von Trophäenträgern, sind während des

Jagdbetriebes nur in beschränktem Masse durchführbar. Deshalb sollten sie möglichst einfach sein, das gesteckte Ziel erreichen und von allen Jagdausübenden praktizierbar sein.  

Beispiel Kanton Graubünden:  Der Kanton Graubünden in der Schweiz, ein ausgesprochener Gebirgskanton, gibt hier ein gutes Beispiel. Seit 1992 sind dort alle doppelseitigen Kronenhirsche (und die

Hirschspiesser mit Überlauscherlänge) geschont, alle anderen Hirsche (Geweihträger) sind frei.Mit dieser Beschränkung sollen aber nicht die Kronenhirsche gefördert werden. Das Ziel dieser Vorschrift ist die möglichst einfache und eindeutige Ansprache eines Stückes und die Schonung der Mittelklassehirsche. Im System der Patentjagd, bei der in Graubünden jedes Jahr im September während drei Wochen über fünftausend Jäger unterwegs sind und hauptsächlich Bewegungsjagd betrieben wird, ist eine zuverlässige Methode des Ansprechens notwendig um die Zahl der Fehlabschüsse zu minimieren. Immerhin werden in diesen drei Wochen über dreitausend Stück Rotwild erlegt. Bezogen  auf das Rotwildareal des Kantons ergibt dies über 2 erlegte Stücke pro hundert Hektar. Die Analyse einer grossen Menge von Hirschtrophäen aus diesem Kanton hat ergeben, dass knapp vierzig Prozent der Mittelklassehirsche doppelseitige Kronen aufweisen. Dadurch, dass die Jäger auf der Bewegungsjagd gezwungen werden, die Geweihe vor dem Schuss auf Kronen zu kontrollieren, kann auch mancher mittelalte Hirsch entkommen, der nicht mit zwei Kronen ausgestattet ist. Die Auswertung der Jagdstrecken (Grünvorlage) zeigt, dass durch eine simple Regelung das Ziel erreicht wird, rund siebzig Prozent der Mittelklassehirsche zu schonen.
Die heute in Graubünden lebenden alten Hirsche erreichen ohne Winterfütterung Geweihgewichte von sieben und mehr Kilogramm – und das im Hochgebirge! Der stärkste „Fehlabschuss“ des vergangenen Jagdjahres war ein mittelalter 26-Ender. Länder mit Revierjagdsystem können sich in der Regel aufwendigere Vorschriften leisten als Patentjagdgebiete. Revierjäger haben mehrere Monate Jagdzeit zur Verfügung und ein begrenzteres und dadurch überschaubares Jagdrevier, in dem sie „ihr“ Wild beobachten und bejagen können, ohne dass unbeteiligte Jäger dazwischenkommen. Ob dabei gut veranlagte Träger von Zukunftstrophäen geschont werden sollen oder nicht, bleibt jedem Jäger selbst zu entscheiden – aus wildbiologischen Gründen ist es völlig unnötig und sollte deshalb behördlich nicht vorgeschrieben werden. Im Gegenteil, starke und schwere Geweihe sind für jeden Hirsch eine Behinderung und eine hohe Beanspruchung seiner Nahrungsreserven. Aus Nordamerika wissen wir, dass nicht die alten, sondern die stärksten Geweihträger unter den

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Wapitihirschen neben den Kälbern die häufigste Beute von Wölfen ausmachen.

Zahl vor Wahl auch bei Hirschen: In den meisten mir bekannten Abschussregelungen verschiedener Länder werden die Hirsche eingeteilt in Jugend-, Mittel- und Altersklasse. Wenige andere nehmen noch eine zusätzliche Zweiteilung der Mittelklasse vor. Einige verleihen den einzelnen Klassen noch das Prädikat A- oder B-Qualität. Aus meiner jägerischen und aus wildbiologischer Sichtweise geht diese Art von Klassierung einen ähnlichen Weg wie die Viehschauen auf landwirtschaftlichen Messen. Es grenzt für mich an landwirtschaftliche Zuchtwahl, wenn die Qualität eines Wildtieres so stark auf die Form und die Grösse seines Geweihes reduziert wird. Als Jäger finde ich diese Vorgehensweise verwerflich und dem Wildtier gegenüber respektlos. Dabei ist diese Art der Alters- und Qualitätseinteilung während der Jagd nur schwer durchzuführen und deshalb doppelt sinnlos. Trotz meiner etwa dreissigjährigen Erfahrung als Rotwildjäger und –beobachter kann ich heute immer noch nicht mit Bestimmtheit sagen, ob ein Hirsch vor meinem Ansitz sechs, acht oder zehn Jahre alt ist. Und ich weiss, dass es auch anderen, erfahreneren Leuten als mir, ähnlich geht. Körperliche Verfassung, Verhalten, Verhärung, Mähne, Stellung der Stirnzapfen und viele andere Merkmale sind auf der Jagd meist so unzuverlässig, dass ich mich darauf beschränke, zu sagen: „es ist ein alter Hirsch oder, es ist ein junger Hirsch“ – in der Regel ist es ein junger! Anders mag es für einen Berufsjäger gelten, der „seine“ Hirsche jeden Winter an der Fütterung beobachtet und vielleicht Serien von Abwurfstangen besitzt. Der Durchschnittsjäger ist aber nicht in dieser Situation, wenn er alleine entscheiden muss, ob der Hirsch da vor ihm schussbar ist oder nicht. Die Lösung für dieses Problem könnte in einer Vereinfachung der Vorschriften liegen: 

Sieben Thesen: Abschussplanung für Hirsche

 1.

Verbindliche Festlegung der Gesamtzahl des Abschusses und des Geschlechterverhältnisses.

2.

Weibliche und männliche Kälber, Schmaltiere, Spiesser und Tiere bilden eine Klasse. (Anteil am Gesamtabschuss 70%)

3.

Jugendklassehirsche sind diejenigen vom 2. bis inklusive 4. Kopf. (Anteil am Gesamtabschuss 20%)

4.

Altersklassehirsche sind diejenigen vom 5. Kopf und alle älteren. (Anteil am Gesamtabschuss 10%)

5.

Die Unterscheidung zwischen Mittel- und Altersklasse entfällt.

6.

Verbindliche Festlegung der Anzahl freigegebener Hirsche in der Jugend- und Altersklasse pro Revier oder Hegegemeinschaft.

7.

Keine weiteren Einschränkungen aufgrund der Form oder Grösse der Trophäe – behördlicher Nachweis jedes erlegten Stückes in geeigneter Form.

Es ist jedem Rotwildjäger zuzumuten, einen wirklich jungen Hirsch bis zum 4. Kopf als solchen zu erkennen. In der Regel sind die Trophäen in diesem Alter noch nicht stark ausgebildet. Die Stirnzapfen sind hoch und gut erkennbar. Die Körpergestalt ist jugendlich, die Mähne fehlt weitgehend oder ist nur schwach ausgebildet. Die Körperhaltung, die Postur und das Verhalten sind ebenfalls eindeutig. Eine schwache, relativ hohe Stimme bei der Brunft muss nicht unbedingt zu einem jungen Hirsch gehören. Die Tiefe der Stimme hängt nicht vom Alter ab sondern weitgehend davon, wieviel der Brunfthirsch bereits geschrien hat. Vor allem ganz alte Hirsche können eine sehr jugendlich anmutende Stimme haben. Ob der junge Hirsch nun zwanzig Enden trägt, eine weite Auslage hat oder sonst irgendwelche „Kapitalien“ besitzt, ist aus wildbiologischer Sicht völlig egal. Dies gilt auch für den alten Hirsch. Ich jedenfalls würde mich freuen, einmal einen wirklich alten Hirsch zu schiessen, dessen Geweih nur vier, sechs oder acht Enden trägt. Zwischen fünftem und siebtem Kopf wird der Hirsch auch in seinem Äusseren vollständig erwachsen. Meist macht das Wachstum seiner Trophäe in dieser Zeit einen markanten „Sprung“ nach oben und kann bereits beträchtliche Ausmasse annehmen. Die jugendlichen Körpermerkmale verschwinden. Bis etwa zum elften oder zwölften Kopf ist nun der Hirsch ein „starker“ Hirsch, oder ein sogenannter „Braver“. Die Entwicklungsphasen sind in diesem Alter aber von Hirsch zu Hirsch sehr verschieden, sodass das eindeutige Unterscheiden von unterer und oberer Mittelklasse sehr schwierig wird. Trophäenschauen landauf und landab zeigen, dass die meisten „alten“ Hirsche in der Regel zu jung sind. Ein wirklich alter Hirsch ist älter als 12. Kopf – dies zeigt auch die neueste Untersuchung von erlegten Hirschen im Kanton Graubünden. Und wer einen so alten Hirsch in Anblick hat, muss die Altersmerkmale nicht mehr suchen, sie sind dann sehr eindeutig zu sehen. Daraus können wir die Regel ableiten: Ein Hirsch, bei dem man die Merkmale für hohes Alter suchen muss, ist in der Regel zu jung!

Nachvollziehbare Vorschriften:  Was passiert nun, wenn wir die Altersklasseneinteilung wie oben aufgeführt festlegen? Zuerst einmal würde es möglich, die Vorschriften bezüglich Altersklassen einzuhalten, weil diese auch wirklich erkannt werden können. Warum wollen Sie einen Jäger bestrafen, der einen zu jungen oder zu alten Hirsch geschossen hat, wenn er Ihnen beweisen kann, dass auf der Jagd die einwandfreie Altersansprache auf drei, vier oder fünf Jahre genau nicht für alle Jagdberechtigten möglich ist? Was nützt es, wenn wir einem Jäger das Resultat eines wissenschaftlich durchgeführten Zahnschliffes unter die Nase halten? Der Hirsch zeigt uns seine Zähne nicht, bevor wir ihn erlegen. Gesetzliche Vorschriften müssen für alle Beteiligten einwandfrei nachvollziehbar sein um sie einhalten zu können – die Altersansprache, vor allem der fünf bis zwölfjährigen Hirsche, gehört nicht zu den eindeutig nachvollziehbaren Vorschriften. Des weiteren würde die Jagd einfacher und mancher Jäger müsste sich seine Freude über den Abschuss eines mittelalten Kronenhirsches nicht mehr verderben lassen. Hat er einen Hirsch der Klasse 5. Kopf und älter frei,

Foto und Copyright: Rüdiger Schön

kann er nach seinem eigenen Gusto entscheiden, was ihm gefällt und was nicht. Schiesst er einen Hirsch der unteren Mittelklasse, so wird der alte Hirsch ein Jahr älter und umgekehrt. Mehr Alte im Revier: Durch die vorgeschlagene Regelung wird der Anteil der alten Hirsche im Revier zunehmen, weil sie weniger leicht aufzuspüren sind als die mittelalten. In welchem Rotwildrevier wäre man nicht froh, es gäbe mehr echte Altersklassehirsche? Und welcher Jäger würde sich nicht freuen, einen wirklich alten oder zurückgesetzten Sechser oder Gabler zu erlegen? Die Abschusserfüllung beansprucht durch die vorgeschlagene Erleichterung des Ansprechens weniger Ansitze und Pirschgänge und verursacht dadurch weniger Störung im Revier. Bei dieser Art der erleichterten Abschussvorschriften ist es von grösster Wichtigkeit, dass die Anzahl freigegebener Stücke in beiden Klassen der Hirsche strikte eingehalten wird. Nur so bleibt es auch weiterhin möglich, die Mittelklasse in genügendem Masse zu schonen. Zuviel erlegte Hirsche können dadurch „korrigiert“ werden, dass im folgenden Jahr deren Abschussplan reduziert oder ganz gestrichen wird. Wo liegen die Nachteile dieser Art von Altersklasseneinteilung? Ich habe bis jetzt noch keine wesentlichen gefunden – ausser wir führen die Diskussion um die Trophäenhege. Dass der Trophäe eine zu grosse Bedeutung gegeben wird zeigt die Tatsache, dass bei den weiblichen Tieren normalerweise nicht so ein Aufsehen um die Einteilung in Altersklassen gemacht wird obwohl sie für den Aufbau der Population die wichtigere Rolle spielen als die Hirsche. Die Aufzucht der Kälber und die Führung der Einjährigen hat massgebenden Einfluss auf die Qualität der künftigen Population. Dominante Tiere und Leittiere sind es, die die Trophäengrösse der Spiesser und jungen Hirsche positiv beeinflussen und dafür sind „geordnete“ Populationsstrukturen und eine Rangordnung im Rudel notwendig.  

Noch einfacher bei den Rehen:  Im Vergleich zum Hirschwild sind Rehe rund vier bis fünf mal leichter, sind früher geschlechtsreif, werden weniger alt, produzieren mehr Nachwuchs, sind territorial und keine ausgesprochenen Rudeltiere. Die Trophäe der Rehböcke nimmt nicht stetig mit den Jahren an Grösse und Volumen zu wie bei den Hirschen. Die Rehkrone erreicht mit zwei Jahren eine Stärke, die in den Folgejahren selten mehr als 10-15 Gramm Zuwachs aufweist.  Auch bei dieser Wildart stellt sich die Frage, wie sinnvoll es wohl sein mag, die männlichen Stücke in verschiedene Altersklassen, in Zukunfts- und Abschussböcke einzuteilen. Aus wildbiologischer Sicht spielt das Alter und die Trophäengrösse eines Rehbockes für seine Aufgaben in der Population kaum eine Rolle. Der Rehwildbestand kann also gut mit jüngeren oder mit älteren Böcken leben, mit Böcken guter oder geringer Trophäe. Beim Rudeltier Rotwild, mit einem ausgeprägteren sozialen Gefüge, spielt der Altersaufbau der Population hingegen eine viel wichtigere Rolle. Ob durch die Jagd nun die Zukunftsböcke geschont werden oder nicht, kann den Jägern überlassen werden, Sinn macht es keinen und soll deswegen wie bei den Hirschen nicht behördlich verordnet werden. Zusätzlich muss klar festgehalten werden, dass die Altersansprache bei den Rehböcken noch weniger möglich ist, als bei den Mittelklassehirschen. Die Körpermerkmale die der Schätzung des Alters am lebenden Tier dienen, sind weniger stark ausgeprägt als bei den Hirschen. Während für ein Hirschleben rund fünfzehn Jahre gerechnet werden können, ist ein sechs Jahre altes Reh bereits ein altes Stück. Die Altersmerkmale sind also auf viel weniger Jahre „zusammengedrängt“ als beim Hirsch. Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass ich zufrieden sein muss, unterscheiden zu können, ob ich einen Jährling, einen eher jungen oder einen eher alten Rehbock vor mir habe. Am erlegten Stück, wo Zahnabschliff und die Höhe der inneren Schambeinnaht Hilfe für die Altersansprache bieten, habe ich bereits so viele Überraschungen erlebt, dass ich die an den Jagdlehrkursen gelernten Merkmale für die Unterscheidung von zwei-, drei- oder vierjährigen Böcken über Bord geworfen habe. Seitdem jage ich unbeschwerter.

Bewährte Methode in Liechtenstein:  In Liechtenstein wird die Jagdplanung auf Hirsche nach hier vorgelegtem Muster betrieben. Auch wurde ab 1998 die Jagd auf Rehwild wesentlich vereinfacht. Die Abschussplanung unterscheidet nur noch jeweils zwei Klassen beim weiblichen und beim männlichen Rehwild. Die erste Klasse erfasst Kitze und Einjährige, die zweite Klasse die Zweijährigen und Älteren. Durch die Markierung von über hundert Rehkitzen und die anschliessend erhaltenen Trophäen und Unterkiefer dieser Tiere konnte bewiesen werden, dass die Altersschätzung der hierzu befragten Fachleute so stark von der Wirklichkeit abwichen, dass es sinnlos erschien, weitere Altersklassen aufrecht zu erhalten. Zudem wurde für Böcke und Geissen eine einheitliche Jagdzeit erlassen, die vom 1. Juni bis zum 31. Dezember dauert. Vor dem Jahre 2000 galt für die Böcke eine kürzere Jagdzeit (bis 15. Oktober) um Rücksicht auf die im Herbst abgeworfenen Trophäen zu nehmen. In diesem Zusammenhang möchte ich noch zu bedenken geben, dass bei Wildarten ohne Kopftrophäe, wie Füchse, Hasen oder Enten, keine Alters- oder Veranlagungskriterien angewendet werden. Warum machen wir das nicht auch bei den Rehen?

 Was „Rechtes“ schiessen:  Zurück zum Anfang. „Was Rechtes schiessen“ wollen wir alle Jäger und Jägerinnen. Was nun aber recht ist und was nicht, müssen alle die jagen für sich selber entscheiden. Wir wissen: „Die Jagd verdirbt nicht den Charakter, aber sie offenbart ihn“! Somit wird das Weidwerk auch zu einer Charakterfrage. Eigenverantwortung ist gefragt. „Gemachte“ Meinungen schmälern die eigene Freiheit und schränken das jagdliche Erleben ein. Komplizierte Jagdvorschriften, die auf alles und jeden Rücksicht nehmen wollen, widersprechen dem eigentlichen Wesen der Jagd. Ein Stück jagdlicher Freiheit liegt meiner Meinung nach darin, dass jeder Jäger und jede Jägerin soviel Erleben und Entdecken kann wie er oder sie will. Und all das Erlebte und Entdeckte kann von jedem selbst erfahren, interpretiert und bewertet werden. Die Natur, der Wald, die Wildtiere, auch die nicht jagdbaren Arten, bieten einen unendlich grossen und unerschöpflich reichen Fundus für alle wachen Sinne. Ob wir nun das Spiel von jungen Füchsen oder Rehkitzen beobachten, uns neben einem erlegten Bock fotografieren lassen oder uns mit mit einem Kollegen freuen, der den lange Zeit von uns selbst ersehnten Bock vor unserer Nase weggeschossen hat, spielt meiner Meinung nach keine grosse Rolle. All dies ist schöpfen aus der gleichen Quelle. Selbstverantwortung und Glaubhaftigkeit im eigenen Tun sind ein möglicher Weg aus der Fremdbestimmung durch Überreglementierung oder Trophäensehnsucht. Dieser Weg wird umso kürzer und einfacher, je mehr wir die Masstäbe der Wildtiere und der Natur anwenden und je weniger wir persönliche Eigeninteressen in den Vordergrund stellen. Der schlechteste aller Masstäbe ist die Form und grösse der Trophäen – oder  nicht?

Dieser Bericht wurde und freundlicherweise vom Diplombiologe Herrn Fasel Michael  zur Verfügung gestellt