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An
einem frühen Maimorgen gehört ihr Lied an der Baumgrenze zum
Hochgebirge wie der Duft nach Latschenpech und würziger Wind.
Obwohl sie die ganzen Alpen bewohnt, kennen nur wenige
Bergsteiger oder Jäger diesen überaus scheuen Vogel. Ich habe 50
Jahre gebraucht, bis es mir gelungen ist die Ringamsel zu
überlisten und sie zu fotografieren.
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Musikalisch
ist ihr Gesang dem der Amsel ähnlich, doch sie singt
schlechter. Ihr herbes Singen paßt so recht in die Kampfzone der
Wetterbäume, und es lohnt sich im Steigen innezuhalten und ihr
zu lauschen. Meist sitzt sie auf einer Singwarte hoch auf einem
Baum oder viel weiter außen auf den Ästen als andere Drosseln.
Stoßweise, gewöhnlich zweimal wiederholt, kommen ihre rauhen
ein- bis dreitönigen Silben, laut und kraftvoll, agressiv gegen
ihresgleichen und von langen Pausen unterbrochen. Die Strophen
erinnern an Misteldrossel, Amsel und Singdrossel zugleich. Dem
der Singdrossel ist das Lied am ähnlichsten, wenn es nicht so
tief und temperamentvoll wäre. Zusammen mit der duftenden kühlen
Luft und dem Anblick der Gipfelwelt zaubert sie uns unbewußt
Sinneseindrücke herbei, die schwer zu beschreiben sind und die
man nie vergisst. Diese Stimmung in Worte zu kleiden ist
unmöglich, und ein solcher Frühlingsmorgen bleibt einmalig.
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Ich
habe den Ringdrosseln in vielen Hochgebirgen Europas gelauscht,
in Skandinavien ebenso wie in den Karpaten. Doch sind das zum
Teil ähnliche, aber doch andere Unterarten. Nur die „allpestis”
genannte lebt in den Alpen. Vor allem aber in Bayern und
Österreich, immer aber in den Hochlagen um die Baumgrenze herum,
wenn der Wald locker wird und die Latsche vorherrschende Baumart
ist. Alle diese Unterarten sind scheue und heimliche
Waldbewohner, aber besonders unsere regionale Ringamsel fällt
durch Ihre Färbung auf. Allen gemeinsam ist der weiße Ring um
den Hals. Aber nur die „alpestris” genannte Form trägt um das
schwarze Kleingefieder breite und weiße Säume an jeder Feder.
Dadurch erscheint sie auf Distanz grauschuppig. Außerdem hat sie
viel heller gefärbte weisse Säume an den Flügeln. Sie ist im
Ganzen rundum heller als die nordischen Vögel, die nur in der
Zugzeit bei uns sichtbar werden. Denn im Herbst und Vorfrühling
ist es möglich, beide Unterarten nebeneinander zu sehen.
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Als
echter Bergvogel lebt die Ringamsel nur in Höhenlagen ab 1000 m
bis hinauf auf 2000 m. Nur Schneefall kann sie im Vorfrühling
tiefer herabdrücken. Dann verlieren sie für wenige Tage die
Furcht und werden hungerzahm. Sie suchen dann auch Berg- und
Almhütten oder Jagdhäuser auf, wenn die vor der Saison schon
etwas eßbares zu bieten haben. Von den anderen Drosselarten
haben sich viele von den Menschen abhängig gemacht. Insbesondere
die Amsel ist vom einst vorsichtigen Waldvogel zum Kulturfolger
geworden, ja oft zum reinen Stadtbewohner. Aber auch
Misteldrossel, Singdrossel und Rotdrossel wohnen oft in der Nähe
der Menschen und sind zu volkstümlichen Gestalten geworden, nur
die Ringdrossel nicht.
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Doch hat man auch
schon in früherer Zeit die Ringdrossel gekannt, und man hat sie
zusammen mit den übrigen Arten auf dem Dohnenstieg gefangen und
gegessen.
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Diese Fangmethode
mit der Rosshaarschlinge und Köder gilt heute als Barbarei, aber
noch 1815 war der Franziskanerpater Quardian stolz darauf, daß
er auf dem Kreuzberg in der Rhön im Spätherbst 1815 nicht
weniger als 91 Ringdrosseln unter seinem Fang zählte.
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So
ist es nicht ausgeblieben, daß Ringamseln eine Fülle von
Volksnamen hatten. Schon in den Nürnberger Meistersingern führt
Hans Sachs sie 1531 in seinem Regiment der eineinhalb hundert
Vögel als Pirgamsel auf. Im Schwäbischen heißt sie heutenoch
Bergamsel. Gessner nennt sie 1555 Steinamsel. Genau hat sie ja
keinen Ring um den Hals, sondern ein halbmondförmiges
Brustschild. So heißt sie darum auch Schildamsel oder
Schilddrossel, Kranz oder Kragenamsel. Im 19.Jh. wird sie bei
Hof zur Pfarramsel und Dianenamsel. Andere Namen beziehen sich
auf ihre Flucht vor dem Schnee, wie Schneeamsel, Schneekater.
Sie heißt auch Waldamsel, Stockamsel, Strauchamsel, Erd- und
Hagamsel, denn Hag ist ein Gehölz, eine Hecke. Da sie oft schon
im März erscheint, war sie auch die Mertzische Drüessel und
Mertz Amsel. An der Küste, wo sie nur durchzieht, war sie ein
Fremdlling, die Kureramsel, nach der Stadt Chur oder die
Rheinmierel, in Luxemburg.
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Unsere Unterart
hat auch im Bayerischen Wald vereinzelt genistet und im
Oberpfälzer Wald. Selten ist sie in den anderen
Mitteleuropäischen Gebirgen, dem Spessart, Harz, Hunsrück und im
Schweizer Jura. Häufiger in den Karpathen und den Gebirgen der
Balkanhalbinsel. In den Alpen jedenfalls stellen wir zur
Genugtuung fest, daß sie ein Kulturflüchter ist, kein
Kulturfolger und daß sie ihre Stellung und den Bestand gehalten
hat.
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Ihr Nest ist
praktisch unauffindbar in den Latschen oder Randfichten
versteckt. Ihre 4-5 Eier bebrütet sie 2 Wochen und nocheinmal 2
Wochen später fliegen die Jungen aus.
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Während
die Eltern mit der 2. Brut beginnen, streifen sie schon den
Heidelbeeren- und Preiselbeeren folgend weiter hinauf in die
hochalpinen Zonen bis über 3000 m. Dort hüpfen sie Futter
suchend, selbst nahe an Alm- und Jagdhütten umher. obwohl sie
Menschen eher meiden. Sie ist selten, doch tut ihnen hier
niemand Böses an. Die Zeit, als man Vögel noch nach schädlich
oder nützlich unterteilte, ist lange vorbei. Erdbeerfelder, auf
denen sie Menschen etwas wegnaschen könnten, gibt es hier oben
nicht. Bei uns schießt auch keiner mehr Drosseln nach jagdlichen
kulinarischen Gesichtspunkten, denn diese Zeit ist ebenfalls
lange überstanden.
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Bei der Beringung
hat man erkannt, daß manche von ihnen den Winter schon in den
Südalpen verbringen, andere ziehen weiter und überwintern im
Sahara-Atlasgebirge. Da sie sehr heimlich ist, fehlen noch
genaue Untersuchungen. Am ehesten entdecken wir sie durch ihren
rauhen Gesang.
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Den habe ich mir
auch zunutze gemacht um sie zu suchen. Den eigenen Gesang habe
ich ihr vorgespielt und sie hat agressiv und mächtig darauf
reagiert, immer in dem Glauben daß ein anderes Paar ins
Brutgebiet eingedrungen ist. Sie war aufeinmal gar nicht mehr so
scheu, oder sagen wir besser, daß Sie auf mich nicht mehr
geachtet hat, weil
ihr
Zorn auf die Konkurrenz so groß war. Anders als die Amsel sitzt
sie dabei nicht im Inneren der Baumkronen und Bäumchen, sondern
exponierter auf den Aussenästen. Sie kommt herab auch auf die
kleinsten Anflugbäumchen und Baumkrüppel, hüpft über Baumstümpfe
und anderes liegendes Totholz. Immer warnt und singt sie, fliegt
wieder auf die Spitze eines kleinen Bäumchens und da sich das
alles an der Baumgrenze, also im lockeren Bestand abspielt, habe
ich sie immer vor Augen. Manchmal zu weit für das Foto, aber
doch immer noch recht nahe, und zuweilen kommt sie heran auf 10
m, dann auf 5, 4 oder gar 3 m, dabei immer singend und
schimpfend.
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Vielleicht mag es
unfair sein sie so zu verführen, aber ich habe doch erstmals
ganz nahe jenen Vogel vor mir, der sonst kaum zu sehen ist, weil
er sich rar macht. Häufig ist er auch in den Alpen ohnehin
nicht. So gelingen mir innerhalb einer kurzen Zeit mehr Fotos
als ich mir in jenen 50 Jahren zu träumen wagte, denn
fotografieren wollte ich die Ringamsel schon lange. Zum
Maimorgen im Gebirge gehört nun einmal der Latschenharzduft und
das hingebungsvoll gestammelte Lied der Ringdrossel, denn sonst
fehlt einem etwas.
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Bericht und Fotos: Wolfgang Alexander Bajohr
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