-
Einen
vollen Tag lang bin ich dem alten Almweg durch den
Bergwald gefolgt. Dann bin ich auf schmalem mit
Geröllüberschüttetem Trampelpfad dem rauschenden
Wildwasser des Habachs entlanggestiegen. Das Tal ist eng
zwischen den Bergen eingeschnitten, und am Ende des
Talbodens leuchtet die ganze Zeit lang verlockend das
Endziel, der Eisriese. Eine von grandioser
Blütenvielfalt geschmückte Frühlingspflanzenwelt
schmückt die Almweiden, und eine abwechslungsreiche
Landschaft mit Wassern und dunklem Bergwald schmeichelt
dem Auge. Stundenlang k”nnte man auf dem Steinbrocken am
tosenden Wildbach sitzen, dem sprudelnden undüber die
Steine springenden Wasser lauschen und der Bachamsel
zusehen, die wie ein von Wellen entführter Kork
dahintreibt, hinuntergespült wird, verschlungen vom
Wirbel im Kolk, und dann doch wieder mit schwirrendem
Flug stromaufwärts eilt, auf einem Steinmmuggel knickst
und das Spiel von neuem beginnt. Auf 2300 m Höhe
erreiche ich im Abendnebel endlich die Hütte. Sie liegt
inmitten einer mosaikartig gegliederten Landschaft,
einer buntscheckigen Steinwüste mit Schneeflecken in den
Senken, mit Sumpfkolben, Almrosen- und
Zwergweidenhorsten, grüner Schmiele und dürrem
Borstgras, aus dem blaue Schusternagerl lugen. Wo der
Boden die Feuchtigkeit kaum zu trinken vermag, läuten
lila Soldanellen den Vorfrühling ein, blühen
Küchenschellen und Pelzanemonen, Enzian und Silberwurz.
Es ist am Abend eines der letzten Maitage. Hier aber ist
die Grenze zwischen Vorfrühling und Winter.
-
Viel
Zeit zum Schlafen hat uns die Nacht nicht gelassen, denn
schon in der Finsternis brechen wir zeitig auf, dem mehr
als 3600 m hohen Gipfel entgegen, über endlosen kahlen
und mit weißem Firn bedeckten Gletscher. Für den
Naturliebhaber und Vogelbeobachter ist ein solcher
Marsch mit Gipfelsieg kaum erwähnenswert, gäbe es nicht
doch etwas zu sehen und zu erleben. Wäre es anders
gewesen, hätte ich diese Bergtour längst vergessen, denn
zu sehr gleichen sich alle diese Anstiege auf die
Dreitausender durch die leere und weiße Gletscherwelt,
über der allenfalls der Steinadler kreist und das
Kolkrabenpaar ruft.
-
Die Nacht
ist wundervoll, und es herrscht jenes zwielichtige
Dämmerlicht, in dem die Sterne langsam verblassen und
das in großen Höhen so oft den schönen Tag an der Grenze
zum Morgen einleitet, aber auch eine unglaubliche
Stille, die nur den Schritt der schweren Stiefel im
knirschenden Firn viel so laut sein läßt. Alleine der
Felsenrotschwanz ist schon wach und singt sein
schleifendes wetzendes monotones Liedchen. Zwischen
einer großen Felskanzel und dem Geröll am Moränenrand
liegen im Schatthang auch außerhalb des Gletschers viele
kleine Schneefelder. Bis die Sonne sie alle weglecken
kann, wird es gewiß Hochsommer, August, denn sie wirft
täglich nur einen kurzen Blick darauf. Die rasch
wechselnden Kontraste von Schneeweiß zu Felsgrau und dem
Braungrün der Gräser, verwischen alle Konturen. Sie
machen die scheckige Steinwüste zu einem
schwerüberschaubaren Mosaik. so sehen wir bei unserem
Anstieg auch die Schneehühner nicht, die in ihrem
genauso mosaikhaft gesprenkelten Übergangsgefieder
völlig in dem Gewirr von Schneeklumpen und Geröll
verschwinden, obwohl wir nur wenige Meter an ihnen
vorübergehen ohne es beim Anstieg zu ahnen. Erst beim
Abstieg werden wir die Augen offen halten, und das hat
einen Grund, der auf dem Gletscher zu suchen ist.
Genauer in einer Höhe zwischen 3000 und 3500 m, wo der
Schnee so schön locker und pulvrig ist.
-
Ein
Nordwind, der frisch vom Talboden heraufstreicht, hat
Schmetterlinge nach oben geweht. Nicht einen oder zwei
und drei, sondern Hunderte. Sie alle sind Kohlweißlinge.
Wie von einer Riesenhand ausgestreut liegen und sitzen
sie gleichmäßig über den Gletscher verteilt.
Schmetterlinge ziehen meist von Süden nach Norden. Alle
unsere Distelfalter, Admirale, Taubenschwänzchen,
Heufalter und große Schwärmer sind diesen Weg geflogen.
Vielleicht wollen die Kohlweißlinge entgegengesetzt
wandern? Aber sie haben es nicht geschafft, denn
kältestarr, aber meist noch lebend, sitzen sie im
Pulverschnee. Damit ist die Reise beendet. Diese
Tragödie ist aber vor allem darum so bemerkenswert, weil
eine Perlschmnur kleiner Fußabdrücke wie kleine Händchen
Schrittchen für Schrittchen von einem Schmetterling zum
nächsten führt. Und dann liegt dort ein Fühler, zwei
Flügelpaare oder einige zarte Beinchen der
Schmetterlinge, die gefressen wurden. Schneehühner, die
sonst überwiegend vegetarisch leben, sind von einem der
verunglückten notgelandeten Falter zum nächsten
getrippelt und haben Nachlese gehalten, damit nichts
umkommt in der Natur. Sie sind zwar sonst überwiegend
tagaktiv, aber wenn der Magen einmal knurrt, dann suchen
sie gerne auch des Nachts Nahrung. Weil sie an den Füßen
richtige kleine Schneereifen tragen, aus steifen
Federschuppen und mit langem weißem Plüsch bis auf die
Zehenkrallen verhüllt sind, sinken sie selbst im
leichten Pulverschnee nicht ein. Es ist auch ganz
normal, daß sie weit oberhalb der 3000 m noch
anzutreffen sind, im ewigen Eis und Schnee also, denn
sie sind Kinder der Eiszeit. Aber es ist auch normal,
daß wir sie auf Almen oberhalb einer künstlich durch
Waldrodung herbeigeführten Baumgrenze antreffen. Doch
ist ihr eigentliches Biotop die Tundra oberhalb der
Baumgrenze, und dann finden wir sieüberall in den Alpen,
auch im Karwendel oder an der Rotwand, im Steinernen
Meer, am Untersberg, und eigentlich überall oberhalb der
Waldzone. Nirgends sind sie häufig, aber es gibt sie
fast überall, nur nicht im Wald.
-
Als
es jetzt schnarrt wie eine Fastnachtsratsche, könnte es
zwar auch der hier oben lebende Steinschmätzer gewesen
sein, vielleicht auch ein blädernder Gamsbock, aber der
geht nicht so hoch hinauf. Jenes Knarren kann man so
trefflich nachahmen, wenn man die Lippen zusammenpreßt
und die Luft nach außen bläst. Es ist der Liebesgesang
der Schneehühner. Vielleicht lockt man sie auch herbei,
denn auf Nebenbuhler sind sie jetzt eifersüchtig. Ich
entdecke den knarrenden Hahn, denn die weiße Tarnfarbe
hat ihre Wirkung teilweise verloren. So buntscheckig,
wie sie jetzt im Übergangskleid vom weißen Wintergewand
zum Brutkleid sind, tarnt sie die gescheckte
Übergangslandschaft, aber nicht der weiße Gletscher.
Jetzt, wenn auch der Spielhahn weiter drunten auf dem
Almboden und der Auerhahn auf seiner Lärche im Bergwald
balzt, tanzen auch die Schneehühner ihren
Hochzeitsreigen. Aus der Skala ihrer vielen Laute lassen
sie jetzt fast nur das Knarren hören. Mit dem Lockt der
Hahn seine Henne, schmelzend, schmachtend und
verführerisch, ganz hingebungsvoll. Mit zärtlichem
leisem "Djack, djuck, djuck" lockt eine Henne ihren
verliebten Hahn leise gackernd. "Gru, gru,
gurrrrrrrrrrrr" antwortet er im selben Augenblick. Dann
rast er mit purrendem Flügelschlag auf schneeweißen
schmalen Schwingen herbei, und fällt vor uns auf dem
Schnee nieder.
-
Unmittelbar vor uns richtet sich der Hahn ganz hoch und
senkrecht auf. Er steht ganz klar da im blendenden Licht
in voller Balz und ist gar nicht scheu. Das ist so seine
Art. Schade, daß ich bei meinem Gipfelsturm ohne
Teleobjektiv gegangen bin. Ich kann nur steif und stumm
im Schnee hocken und das Schauspiel genießen. Der
liebestolle und rasende Geselle kennt keine Gefahr und
trippelt in seinem lotterigen Scheckenkleid nah und
näher auf gerade 5 m an uns heran. Den Schwanz hat er
zum Spiel gespreizt, die Fittiche sind gesenkt und
schleifen im Schnee nach, wie es der Birkhahn auch
treibt. Den Kopf beugt er nieder, hält ihn waagerecht
und rennt los. Er beginnt wieder zu knappen und zu
rufen, wirft den Kopf einige Male mit dem Schnabel
knappend in den Nacken zurück, sagt aus tiefer Brust "Gabau,
gabau, gabau", knarr erneut und rennt buchstäblich über
unsere Beine hinweg.
-
Habe
doch auch ich einige Male mit den Lippen geknarrt, und
das hat ihn wohl zornig werden lassen, weil er einen
Nebenbuhler sucht. Wir aber liegen mit dem Bauch im
Schnee. Aber dann fliegt er doch purrend auf und davon.
Ich sehe ihn noch lange talwärts segeln, denn seine
weißen Fittiche heben sich vom dunklen Wald im Tal
deutlich ab. Er streicht dem Gletscherrand zu, in jene
Mosaiklandschaft, die wir vorhin durchquert hatten. Dort
ist er zu Hause und dort wird die Henne auch brüten. Mit
der lebt er in der Regel schon seit dem Winterbeginn
zusammen, und mit ihr hat er auch die große
Solidargemeinschaft der Kette verlassen um sich
abzusondern, als die Zeit der Revierrangeleien kam, und
sie gegen Winterende immer unduldsamer wurden. Meist hat
eine solche Kette 50-200 Vögel. Was wir mit dem Hahn
erlebt haben, war ein Anblick zum Entzücken, ein ganz
großartiges Erlebnis, wie man es selbst in langen Jahren
als Bergwanderer nicht oft erleben kann.
-
Aber auch
in der Wintergemeinschaft sind die Schneehühner recht
gesprächig untereinander. Das Balzknarren hört man im
Herbst selten, wohl aber daß einer beginnt "Gahk gahk
gahk" zu rufen und ein anderer ihm antwortet mit einem
schnarrenden "Errrb, errrb, errrb, Groh, Grauhhhh" und
mit einer ganzen Palette anderer Laute, die teils leise,
teils aber auch laute Kontaktlaute sind und ganze
Gespräche untereinander sein können. Aber das ist wie
vieles Andere noch nicht erforscht. Das mag an der
dünnen Verbreitung der Vögel liegen, daß man insgesamt
von ihnen so wenig untersucht hat. Selbst über Parasiten
und Krankheiten weiß man rein gar nichts, obwohl sie
doch so vertraute Tiere sind. Nur finden muß man sie
halt, und darin liegt die ganze Schwierigkeit. Bedroht
sind sie nicht, obwohl sie selten sind. Denn sie leben
hierzulande am Rande des ewigen Eises
-
Bericht
und Fotos: Wolfgang Alexander Bajohr
|
|