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Der Sturmwind selbst hat
den riesigen Vogel der Götter geboren. Den gewaltigen Aar, den größten
unserer Vögel, der einen unvergesslichen Eindruck auf uns macht, wenn er
auf den mächtigen Schwingen wie ein Engel plötzlich vom Himmel fällt.
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Inmitten der endlosen
Natur-Mischwälder in der Johannisburger Heide, aus Kiefern, Eichen,
Erlen und Buchen liegt eine große Wiese, die vor 40 Jahren noch ein
See war und auf der noch oft das Wasser steht. Jetzt ist es gefroren
und auf großen Teilen liegt noch der Schnee. In einem winzigen
Versteck habe ich hier 10 Tage zugebracht, jeweils 9 Stunden. Früh
von der Finsternis an bis gegen Abend hat die Tarnung mich vor den
Adlern versteckt, aber sie hat mich auch von der ganzen Außenwelt
getrennt.
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Masuren – wildes
weites Heimatland der Seeadler
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Für jeden, der die Natur
und ihre Tiere liebt, ist Masuren ein Land von eindrucksvoller
Schönheit. Als Biosphärenreservat zeigt es die vollendete Harmonie
von Natur und Kultur. Zwischen den 1100 kristallklaren Seen, die wie
klare Augen aus der Tiefe der unendlich scheinender Märchen-Wälder
herausleuchten, offenbart sich die Anmut eines Landes, das auch
heute noch von Elfen und Waldgeistern besiedelt sein könnte. Denn in
diesem Zauberwald gibt es auch jetzt noch Blüten, Vögel und Tiere,
die sonst selten geworden sind.
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In
Bächen, Flüssen und Seen jagt der Otter, und man schätzt die Zahl
der Seeadler-Horste auf über 200. Wenn sie mit kraftvollem rudern
der breiten gewaltigen Flügeln über den Seen durch die Luft gleiten,
ahnen wir welche Geheimnisse die Natur in Fauna und Flora noch
bereithält. Das Fauchen der Luft bei jedem Flügelschlag ist einsame
Musik und jede der gnomenhaften Baumgestalten ist von unnachahmbarer
Individualität.
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Masuren ist einst wie
heute ein Land, das uns verzaubern will und endlich wieder ein Teil
von Europa ist. Den Göttern in der Johannisburger Heide sei es
gedankt, dass wir uns mit der Natur und den Menschen versöhnen.
Schon im Mittelalter hatten die vereinigten Preussen, Polen und
Litauer Anlass sich bei Grunwald gegen die Zwangsherrschaft der
Ordensritte aufzulehnen um wieder frei zu sein. Just an jener Stelle
wurden auch die Soldaten des Zaren verjagt, der die Finger nach dem
Land ausgestreckt hatte. Der dritte Einfall ging weniger gut für das
Volk aus. Die Natur hat über alles eine grüne Decke gelegt, und die
aus den endlosen nassen Wäldern Zurückgekehrten und andere
Flüchtlinge, die hierher gekommen sind haben die Schönheit des
Landes zu neuem Leben erweckt. Wo das Hügelland sich am Horizont mit
dem Himmel vereint, oder wo die Kraniche rufen und der Seeadler
kreist, wo die Gänse mit schrillem Schrei nach Norden ziehen, wo die
Luft voller Vogelgesang ist, die Bienen summen und im Gold-Herbst
die Hirsche schreien, Alleen die Straßen säumen und die Störche auf
bald jedem Dach wohnen, da ist das Heimatland Masuren.
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Meine kleine Ansitzhütte
steht an der Nordseite jener Wiese im Waldrand, so dass ich immer
die Sonne im Rücken habe. Ich warte hier auf den großen Adler. Durch
die Finsternis im nächtlichen Wald, der voller Hindernisse ist, sind
wir hierher geschlichen und über Äste gestolpert, die auf dem Weg
lagen. Auch nicht für Minuten habe ich fortan die Tarnkappe der
Ansitzhütte verlassen dürfen. Ich will den großen Adler überlisten,
also darf nichts ihn misstrauisch machen. Um diese Zeit sitzen Mitte
Februar die alten Seeadler schon überall auf ihren Nestern und
brüten. Früher hatte man immer an den Nestern fotografiert. Aber zu
Beginn der Brutzeit sind die Seeadler am Nest äußerst empfindlich.
Sie würden das Gelege verlassen, wenn wir uns dort ansetzen, darum
gilt die Nestfotografie längst als verpönt. Es gehört sich einfach
so, dass man sie am Nest nicht stören darf. Wir warten daher an
einem gewohnten Futterplatz mit giftfreier Nahrung. Das sind vor
allem Innereien, aber auch Füchse, die auf der Drückjagd geschossen
wurden, oder einem eingefrorenen Reh, das auf der Strasse starb. Es
gab Leute, die haben mich für deppert gehalten, dass ich tagelang
hier ausharre. Das ist auch nicht so kurzweilig wie im Frühling,
wenn die Vögel alle singen. Nur eine einsame Waldohreule stöhnt
irgendwo im Wald.
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Die Kamera habe ich auf
den gefrorenen Fuchs eingestellt, vorerst mit 400 ASA, später, als
es heller geworden ist, mit 200 ASA. Nebel treibt über die vereiste
Wiese und dann beginnt es erst leise, dann heftiger zu schneien.
Lange, unendlich lange geschieht gar nichts. Dann sind es die
Kolkraben, die als einzige für Abwechslung sorgen. Sie sind
allgegenwärtig und erscheinen immer zuerst. Sie warnen und balzen.
Hugin und Mugin, die Götterboten haben längst begonnen das Nest
auszubessern, und bald werden sie auch brüten. Ende Februar singen
sie ihr seltsames quorrendes Liebeslied, verbunden mit glucksendem „klong,
klong, klong“. Kolkraben sind unsere größten Singvögel. Sie leben in
Dauerehe. Somit sind die beiden Götterboten Hugin und Mugin ein
Paar, und sie haben ein besonders herzliches Verhältnis zueinander.
Aber dann sind da noch die nicht verheirateten Junggesellen der
Kolkraben, die sich untereinander und auch mit Hugin und Mugin
ständig streiten, obwohl hier am Luderplatz eigentlich genug Futter
für alle zu finden ist. Die verpaarten Kolkraben machen ihre
Balzflüge und segeln zu zweit in der Thermik der aufsteigenden
Winde. Die nutzt auch der Bussard, der schon zurück ist und mit
seinem Partner im Himmel kreist.
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Warten auf die
Seeadler
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Manchmal kreisen dort
oben auch die Seeadler. Nur können die mit ihren breiten Flügeln
noch weiter hinauf schweben, dass sie kaum mehr zu erkennen sind.
Sie starten mit ihren breiten Flügeln rudernd, bis sie den rechten
Aufwind haben.
Dann
in der Thermik aber, geht es dahin. „Krieh, krieh, klick, klick,
klick“ höre ich es herabschallen und „klick, klick, klick“ antwortet
es. Da sitzen sie irgendwo am Waldrand auf den dürren Ästen,
strecken den Kopf vor und rufen, aber ich kann sie nicht sehen, weil
sie ziemlich genau über mir sitzen.
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Mancher neigt dazu,
Seeadler allein schon wegen ihrer Wucht und Größe aber auch der
gewaltigen Flügel wegen für schwerfällig zu halten. Man muss es wohl
gesehen haben, wie sie die 2,50 m Flügelspannweite und deren
gewaltige Breite im Ruderflug einsetzen und wie sie gerade
blitzartig aus dem Stand heraus starten können. Wer glaubt, dass die
keinen Balzflug kennen, der hat ihn noch nicht gesehen und auch noch
nie erlebt, mit welcher Geschicklichkeit sich Terzel und Weibchen
gegenseitig kreisend übersteigen. Man muss erlebt haben, wie einer
der beiden auf den anderen mit angewinkelten Schwingen blitzartig
herabstößt, wie sie den Raum geradezu schwerelos beherrschen,
segelnd umeinander wirbeln,, wenn sie in der Längsachse eine Rolle
nach der anderen machen, sich auf den Rücken legen um dann den
Partner im Flug bei den Fängen zu greifen. Es ist Lust dabei, Lust
zur Akrobatik hoch oben im Luftmeer. Dann trudeln sie sich an den
Fängen haltend im wilden Wirbel herab, bis sie sich dicht über dem
Boden von einander lösen und erneut in den Segelflug übergehen und
ihren Looping beenden, um erneut hinauf zu segeln, zu steigen und
die Flugspiele miteinander als Balz und Freude am Lieben und Leben
zu wiederholen. Daran muss ich denken, wenn ich ihnen hoch oben
nicht zusehen kann, weil die Blickluke aus dem Versteck es nicht
zulässt. Ich aber warte schon den halben Tag vergebens auf die
Adler. Nur Hugin und Mugin die beiden Raben sind zu allerhand
Schabernack aufgelegt.
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Kolkraben
und Füchse am Luder
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Der Fuchskadaver, mit
dem wir die Adler locken wollen, verlockt auch die Raben. Die aber
sind untereinander sehr unverträgliche Vögel. Man hat ständig den
Eindruck, als wenn sie in Scheidung lebten. Die Raben hingegen
entdecken Fressbares zuerst, und die Adler schauen auf die Raben, ob
die verkünden, dass etwas an Beute da ist.
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Doch die Adler sind
unheimlich misstrauisch, und wenn man bedenkt, was ihnen über
Jahrzehnte, ja Jahrhunderte widerfahren ist, haben sie wohl auch
Recht. Sie sitzen immer wieder unsichtbar für uns oben in den
Bäumen, denn ihr Rufen ist unverkennbar „klick, klick, klick,
klick“. Es hat große Ähnlichkeit mit dem Ruf der Schwarzspechte.
Hier kann man es vergleichen, weil auch die Schwarzspechte immer
wieder rufen. Nur beginnen die Adler viel früher am Morgen mit dem
Ruf, aber sie kommen nicht herab, sondern sie melden wohl, dass
Füchse kommen. Reineke und Ermeline haben diesen Futterplatz ja
längst entdeckt. Sie schnüren durch den Schnee heran, und es ist ein
wunderbares Bild, wenn ein solcher Fuchs immer näher kommt. Es ist
am hellen Mittag und sie sind völlig vertraut. Ich versuche zunächst
sie mit der Mauspfeife noch näher zu locken, aber auf die reagieren
die Füchse gar nicht. Zufällig ist in meiner Tasche noch eine
Hasenklage. Normal setzt man die vielleicht nicht ein, wenn ein
Fuchs schon so nahe ist. Ich quäke und der Fuchs wendet sich sofort
von dem Luder ab und kommt auf mich zu. Näher und noch näher, näher,
näher. Ich bleibe mit der Kamera immer auf dem Fuchs und schieße
Bild auf Bild im Laufen, bis der Fuchs so nahe ist, dass ich ihn
nicht mehr auf das Bildformat bekomme. Er schnürt zurück zum Luder
und ich quäke erneut, und wieder kommt der Fuchs und schnürt etwas
seitlich davon.
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Nach einer Weile ist
wieder ein Fuchs da, aber ein anderer, und auch er reagiert auf die
Hasenklage. Auf der Jagd hätte ich ja längst geschossen, und das
Erlebnis wäre zu Ende. Aber diese Füchse sind so arglos, weil
niemand ihnen etwas antut, und da ich nur mit der Kamera jage, geht
das Erlebnis immer weiter. Die Füchse sind nur etwas verwirrt, weil
sie wohl eine Hasenklage hören, aber nichts zu finden ist. In all
den Tagen habe ich immer wieder Füchse über Füchse fotografiert,
mehr Füchse als ich überhaupt je in meinem ganzen Leben gesehen
habe.
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Endlich der erste
Adler im Schneetreiben
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Man lernt auch nie aus,
z.B. muss ich erkennen, dass Füchse Kannibalen sind und den toten
Fuchs, der im Schnee liegt, anschneiden und schließlich dessen
Innereien zu fressen beginnen. Der Gesichtsausdruck jedes Fuchses
ist anders. Einzelne sind noch ganz ohne Haarwechsel, bei anderen
hat er begonnen und ein uralter Fuchsrüde hat offenbar die Räude,
denn er verliert nicht nur sein Haar. Alles scheint ekelhaft zu
jucken, denn er beißt sich selbst und ist ganz wund. Außerdem ist es
noch sehr kalt, so muss es für ihn schmerzhaft sein, dass einzelne
Stellen nicht vom Fell geschützt sind. Schließlich rieselt Schnee
vom Himmel, und es ist ein wunderbares Bild, wenn die Füchse im
Schneetreiben am Luder sind. Die hohe Lichtstärke 2,8 und ASA 200
machen es möglich noch im dicken Schneetreiben zu fotografieren. Nur
das Autofocus gerät durcheinander. Man muss manuell einstellen. Das
ist der Zauber des Winters. Auf einmal ist auch ein Adler da. Ganz
plötzlich ist er vom Baum herabgeschwebt. Ein noch junger Adler, der
sehr gescheckt ist, mit dunklem Schnabel und dunkler Iris im Auge.
Er geht zu Fuß zum Luder, fliegt mit kurzem Öffnen der Schwingen ein
wenig näher und noch näher, und weiter fällt der dicke Schnee. Wegen
der Bewegungen versuche ich es wieder mit Autofocus und auch wieder
ohne, weil die Kamera sonst auf die fallenden Flocken fixiert.
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Als
der Adler kommt, verschwinden die Füchse lautlos, aber die Kolkraben
lassen dem Jungadler keine Ruhe, sondern sie ziehen ihn von hinten
am Schwanz. Der Jungadler ist ein mächtiger Vogel, dreimal so groß
wie ein Kolkrabe neben ihm. Das Schneetreiben verunsichert ihn und
trotz seiner mächtigen Größe fühlt er sich von den frechen Raben
verunsichert. Liegt es daran oder habe ich doch das Objektiv zu
schnell bewegt? Der Adler entschließt sich zum Blitzstart. Mit
heftigem Schlag seiner mächtigen Flügel, sich zugleich am Boden
abstoßend schießt er zunächst in den Himmel. Dann aber gleitet er
den Waldrand entlang und hat schon nach wenigen Flügelschlägen das
Tempo für den Segelflug, mit dem er uns als staunende Beobachter
hinter sich lässt.
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Die Geschwindigkeit mit
der unser größter Vogel starten kann und mit welcher Wucht er auf
Tempo kommt, ist ein Phänomen. Die Länge von 2,5 m Flügelspannweite
verbunden mit ihrer Breite und die Kraft, die hinter jedem
Flügelschlag sitzt, sind geradezu phantastisch.
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In den folgenden Tagen
begegnen uns immer wieder Adler, allerdings Jungvögel, die noch
gescheckt sind und irgendwo in der Wiese herumhocken.
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Je älter die Jungadler
werden, desto ausgeglichener und brauner wird das Gefieder, heller
der Kopf, leuchtender der immer gelbere Schnabel und heller die Iris
im Auge. Morgens, wenn der Wind die Dunstfetzen über die Wiese
treiben, sitzen sie irgendwo im Nebel. Die Jagd auf den Adler mit
der Kamera und im Gelände ist eine große Herausforderung für den
Tierfotografen. Dabei ist de Misserfolg die Regel und das Geschäft
recht mühsam. Morgens um 5 Uhr treibt uns der Wecker hinaus, und so
manches Mal weiß ich zwischendrin nicht, ob etwas da war, weil ich
auf meinem Stühlchen einfach eingeschlafen bin.
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Um die Chance zu
erhöhen, legen wir noch ein komplettes Reh aus, das unter einem
Lastauto den Tod fand. Die Chance beim Adler hat es nicht erhöht,
aber es hat die Kolkraben konstanter an eine Stelle gefesselt und
dafür gesorgt, dass sie durchgehend da bleiben. 30 Kolkraben haben
binnen 2 Tagen das Reh komplett aufgefressen. Zwischendrin wurden
sie von den Füchsen verjagt, die auch etwas davon abbekommen haben.
Diese Füchse haben uns viel Spaß gemacht, vor allem am hellen Mittag
sorgten sie stets für Abwechslung, und sie haben neue Erkenntnisse
vom Fuchsleben geliefert.
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Der
Frühling kehrt zurück
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Wir wissen jetzt nicht
nur, das Füchse Kannibalen sind, sondern dass ein Fuchs dem toten
Luderfuchs mit sehr viel Mühe die Lunte, also den Schwanz,
abgebissen hat. Als ich noch rätsele was er damit will, da schnappt
er sie sich und trägt sie davon. Er apportiert tatsächlich die
abgebissene Fuchslunte und bringt sie heim zu seinem Bau. Was er
wohl damit gewollt hat? Nie habe ich von einem ähnlichen Vorgang
gehört.
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Das Wetter ist deutlich
wärmer geworden und der Schnee schmilzt. Die Vögel beginnen zu
singen. Der erste Vogel, der früh morgens den Tag einsingt, ist die
Misteldrossel, unsere größte Drossel. Im Hintergrund schnarren
anhaltend die Tannenhäher. Die Bussarde kreiseln jetzt miteinander
im Himmelsblau. Ein Hase hoppelt vorüber, aber ehe ich mich versehe,
ist er fort. Weit im Hintergrund tritt ein Rudel Hirsche im Waldrand
umher, aber sie wagen sich nicht auf die Wiese hinaus.
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Erst Mythos der
Sagen – dann Wappenvogel
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Sitzt man derart lange
in einem Versteck, dann kommen einem zum Zeitvertreib seltsame
Gedanken. Hugin und Mugin sind als Kolkraben ja unsere größten
Singvögel. Rufen sie weil sie bei Odin im Dienst sind? Hugin ist
für die Gedanken und Mugin für das Gedächtnis zuständig. Odin
schaut von seiner Fensterbank Hilskjalf in Walaskjalf in die Welt.
Weil er aber mehr wissen will, sandte er Hugin und Mugin als
Götterboten in die Welt, damit sie ihm berichten können. Odin hat
noch einen Zusamen „Arnhofdi“ das heißt „Adlerkopf“. Auf der
Weltesche Ygdrasil aber saß der allwissende Adler. Er war außerdem
ein Zeichen der Finsternis. In seiner gefiederten Gestalt konnten
sich Dämonen verstecken. Und unter den mächtigen Schwingen
entwickelten sich die Stürme. Doch auch bei den Griechen arbeitete
Zeuss mit einem Seeadler im Buzenturion. Der Adler trug den
Donnerkeil des Herrschers in den Klauen und er zündete den Blitz.
Des Feuers Macht war das Vorrecht des Gottes. „Bedecke Deinen Himmel
Zeuss“ beschrieb Goethe die Forderungen des Prometheus, dann hat er
den Menschen das Feuer gebracht. Der Zeuss schmiedete Prometheus an
einen Felsen und schickte täglich seinen Adler, der zur Strafe dem
Prometheus die Leber wegzufressen hatte. Die wuchs in der Nacht aber
immer wieder zusammen.
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Schon bei den Römern war
der Seeadler Transporteur für Seelen oder er musste die Seele des
Göttervaters Jupiter in den Himmel tragen.
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Die Diskussion, ob nun
der Wappenvogel von Deutschland ein Seeadler oder ein Steinadler
ist, hat in beiden Fällen seine Anhänger gefunden, obwohl es ganz
einfach zu erklären ist.
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Als der Brandenburger
Kurfürst Wilhelm I. von Hohenzollern sich im Dom von Königsberg die
Preußenkrone selbst auf sein Haupt setzte, annektierte er nicht nur
den Titel des Königs der Preußen, sondern auch den Ostpreußischen
Wappenvogel. Das war aber allemal der Vogel des Landes: ein
Seeadler.
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Weil aber das Deutsche
Reich Nachfolger jenes königlichen Preußen ist und Deutschland
Nachfolger des Deutschen Reiches, ist und bleibt es der Seeadler.
Gar bald zierte er nicht nur die Helme und Koppelschlösser,
Schilder, Schabracken der Pferde, und Landkarten. Es gab jedenfalls
nicht enden wollende Möglichkeiten im wärmer gewordenen Deutschland.
Heraldiker nahmen sich seiner an, aber auch Grafiker. Zum großen
gesellt sich dann auch noch der kleine König, der Zaunkönig.
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Zuweilen ist es
schwierig aus einem Wappenvogel noch seine Herkunft abzulesen. Das
kann wünschenswert sein, wenn man, wie beim Seeadler einen besseren
Schutz für diese Vogelart reklamieren möchte. Denn ein Land sollte
sich nicht weltweit blamieren, wenn es seinen Wappenvogel vergiftet,
erschießt, ja sogar ausrottet oder ihm die Lebensräume vorenthält.
Diese Kritik ist durchaus heute noch aktuell.
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Die Speisekarte
der Seeadler
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Seeadler sind nicht nur
unsere größten Vögel, sie haben auch eine ungeheuere Vitalität. Sie
jagen, greifen und fressen fast alles, was sich bewegt, vom
Mövenküken bis zum Schwan. Überwiegend aber fangen sie aus der
großen Schar der Zugvögel auf dem Wasser Stockenten und Blesshühner
heraus, also Vögel, die es massenhaft gibt. Fische fangen sie, wenn
sie flach über das Wasser gleitend den dicken Karpfen packen, der
unter der Wasseroberfläche steht, Ist die Beute zu schwer geraten,
kann der Adler in Nöte kommen. Dann sammelt er ruhend erst einmal
neue Kraft und dümpelt eine Weile im Wasser, aus dem heraus er
wieder starten wird. Das ist nicht einfach und erfordert einen
Senkrechtstart. Mit der gewaltigen Wucht der schlagenden mächtigen
und breiten Flügel startet er dann tatsächlich senkrecht aus dem
Wasser heraus und nimmt sein Beute mit.
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Auf
der Wiese ist ihm selbst die fette Wühlmaus einen Angriff wert. Zu
ihr stößt er sogar aus der Luft von oben herab. Angebotenes Aas
lockt Seeadler vor allem in der kalten Jahreszeit. Wenn es nicht so
große Brocken sind, versuchen sie diese Beute im rasanten
Angriffsflug nur so eben im Vorbeifliegen mitzunehmen. Mächtig mit
den Schwingen schlagend segelt der große Vogel dicht über dem Boden,
packt im darüber gleiten die erstrebte Beute mit raschem Griff der
Fänge und streicht weiter, die Beute davontragend.
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Unsere Füchse, die das
Luder ja jeden Tag anlockt, müssen sich in acht nehmen. Darum wohl
bleiben sie auch nicht gerne auf der freien Fläche. Einen der Füchse
haben wir, an dem fällt sein zerrupfte Fell auf. Er hat auch im
Gesicht Spuren, als hätte er sich den Krallen entwunden. Da er
räudig ist und das Fell locker sitzt, könnte es sein, dass er
dadurch dem Seeadler entkommen konnte. Er hat offensichtlich
Kampfspuren, einen Kampf, den er nur durch Zufall überstanden hat,
weil das Fell ausgerissen ist. Füchse, im Norden, auch die weißen
Polarfüchse, sind eine beliebte Beute der großen Seeadler.
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Der große alte
Seeadler kommt
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Endlich naht das
mühsam erkämpfte und beim tagelangen Ansitz ersessene Glück. Ein
Jungadler segelt über uns vom Baum herab und sitzt auf einmal neben
den Fuchs-Luder. Dieser Kadaver ist schon arg zerrupft. Ich visiere
natürlich dieses große „Adlerküken“ an. Es hat zu fressen begonnen.
Ich mache gerade noch einige Aufnahmen und entdecke urplötzlich
neben dem Jungadler einen ganz großen, schönen, ideal gefärbten
Adler, auf den sofort das Wort vom König der Vögel zutrifft. Dass er
so schlagartig vor mir sitzt, rührt daher, dass er auch von oben aus
den großen und uralten Wald heruntersegelte, genauso wie der
Jungadler zu dem zerrupften Fuchskadaver. Weil ich aber den
Jungadler im Sucher habe, hörte ich wohl das Fauchen der Schwingen
in der Luft, aber ich konnte ihn nicht sehen. Ich visiere ihn jetzt
an, und als er zu dem Luder marschiert, folge ich ihm mit Schwenken
der Kamera. Dem Jungadler muss der Bissen im Halse steckengeblieben
sein. Jetzt sitzt der große alte Adler neben ihm. Mit jedem Zoll ist
er der König der Vögel.
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Von oben muss er
herabgesegelt sein. Dicke dunkle Federhosen reichen bis auf die
Zehen herab. Unterseite und Flanken sind ebenfalls dunkelbraun. Zum
Flügelbug hin ist jede Kante hell geziert, und der Kopf ist deutlich
heller abgesetzt. Der mächtige Hakenschnabel ist hellgelb, und die
helle Iris im Auge ist unübersehbar. Das ist ein würdiger alter
Seeadler, eben jener Wappenvogel, rundum.
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Der Jungadler, der
zuerst da war, ist vielleicht ein Sohn oder die Tochter des großen
Seeadlers?. Der Große aber ist vielleicht das Weibchen auf dem Horst
in der Gegend??? Ich weiß es nicht. Aber es könnte sein, dass der
Terzel jetzt brütet. Der Altvogel wirkt ein wenig als wenn er sich
die Ärmel hochkrempelt. Er greift kraftvoll zu. Reißt mit dem Fuß
den Fuchskadaver zu sich heran. Seine brutale Aktivität passt zu
ihm. Der Jungadler sitzt verbiestert daneben.. Der Altadler stürzt
sich auf ihn und verprügelt ihn mit den Schwingen. Der Junge
versucht sich zwar zu wehren, aber es ist für ihn völlig
hoffnungslos. Das merkt er auch. Der Alte aber beginnt zu kröpfen.
Er kröpft und kröpft und hört gar nicht mehr auf. Er reißt große
Fetzen aus dem Fuchskadaver. Der Junge hockt die ganze Zeit dicht
daneben und traut sich nicht an die Beute heran.
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Eine halbe Stunde etwa
lässt sich der alte Adler die Beute schmecken. Er reißt große
Brocken heraus und balanciert dabei immer mit den Flügeln um das
Gleichgewicht zu halten. Er reißt und reißt und frisst und frisst,
bis fast nichts mehr übrig ist nach einer halben Stunde. Als er
schließlich zu Fuß ein Stück weiter schreitet. Der junge Adler sitzt
weiterhin daneben. Beide starten schließlich, sie gleiten fast
gleichzeitig davon. Über der Wiese ziehen sie hoch und drehen eine
Runde über uns.
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Der Tag geht ohnehin
langsam zur Neige. Es wird still im Wald. Der Altadler hat seinen
weißen Stoß gespreizt dass er weithin leuchtet wie ein Schlusslicht.
Mit schwer schlagenden Fittichen streicht er schließlich über den
Waldbäumen davon. Wahrscheinlich fliegt er zu seinem Horst um den
brütenden Partner wieder abzulösen. Dieser Horst soll in der
Abflugrichtung vom Waldrand an gerechnet, einen runden Kilometer
entfernt sein. Wir wissen weder wo das ist, noch wollen wir dort
stören und beenden an der großen Wiese unsere Fototage. Es war viel
Geduld erforderlich, weit mehr als Jäger bei der Jagd aufbringen
müssen. Wir aber sind glücklich, dass es mit den Seeadler-Fotos doch
noch geklappt hat und dass wir als Zugabe auch noch die Kolkraben
und Füchse bekommen haben.
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Bericht und Fotos: Wolfgang Alexander Bajohr
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