Südtirol kann Jagdkalender auch künftig eigenständig festlegen
Ein wichtiger Teil des Südtiroler Jagdgesetzes ist in letzter Zeit in Frage gestellt gewesen. Es ging um die Jagdzeiten. In unserem Land wird bekanntlich das Schalenwild auf der Grundlage von Abschussplänen bejagt, die Jäger haben eine recht lange Jagdzeit zur Verfügung. Der Jagdbeginn auf Rot- und Rehwild am ersten Mai erlaubt es den Jägern, frühzeitig schwache, überzählige Stücke dem Bestand zu entnehmen und, wo geboten, eventuellen Wildschäden rechtzeitig vorzubeugen. Eine Übernutzung der Bestände wird vermieden, weil der Abschussplan ja nicht überschritten werden darf und die Abschusskontrolle gut funktioniert.
Eine völlig andere Reglementierung wird vom staatlichen Jagdrahmengesetz gefordert. Dieses Gesetz, es stammt aus dem Jahr 1992 und trägt die Nummer 157, erlaubt grundsätzlich die Schalenwildjagd nur für einen Zeitraum von 60 Tagen, wobei als Jagdbeginn für Gams-, Rot- und Rehwild der 1. Oktober vorgeschrieben ist und als Jagdende der 30. November.

Südtirol hat, wie die Provinz Trient, für das Jagdwesen eine so genannte primäre Gesetzgebungsbefugnis, die beiden Provinzen bräuchten sich demnach nicht an ein staatliches Jagdrahmengesetz halten.

Das vor gut zwei Jahren akut gewordene Problem ist folgendes:
 
Einige Schutzverbände hatten die in Trient gültigen Jagdzeiten, sie glichen in etwa den unseren, angefochten. Die Frage kam vor den römischen Verfassungsgerichtshof, welcher beurteilen musste, ob die in Trient geltenden längeren Jagdzeiten verfassungsmäßig sind oder nicht. Der Verfassungsgerichtshof sagte in einem im Juni 2003 ergangenen Urteil, die entsprechende Regelung sei verfassungswidrig. n einer langen, genauen und umständlichen Urteilsbegründung hieß es, vereinfacht zusammengefasst, dass die vom staatlichen Jagdrahmengesetz vorgesehenen Jagdzeiten auch von den Autonomen Provinzen nicht erweitert werden dürften,  dass die kurzen Jagdzeiten nicht eine Frage der jagdlichen Reglementierung seien, sondern eine Frage des Naturschutzes, dass für grundsätzliche Fragen des Naturschutzes der Staat und nicht die Regionen oder Autonomen Provinzen zuständig seien, und so fort. Seither war man in unserem Land besorgt, denn der Urteilsspruch war grundsätzlicher Natur und traf auch für Südtirol zu. Mit anderen Worten: Wäre der Art. 4 des Südtiroler Jagdgesetzes, er listet die hier üblichen Jagdzeiten auf, dem Verfassungsgerichtshof zur Beurteilung unterbreitet worden, dann wären unsere Jagdzeiten aller Voraussicht nach als unzulässig erklärt worden und wir hätten dieselben Schwierigkeiten bekommen, unter denen die Trienter Jäger seit Juni 2003 leiden. Erst vor einem knappen Monat sind dann drei weitere Urteile des Verfassungsgerichtshofes gefällt worden, mit welchen die zentralistische, autonomiefeindliche Ausrichtung des die Provinz Trient betreffende Urteils wiederholt, wenn nicht verschärft wurde.
Verständlicherweise war man deshalb seitens des Jagdverbandes bemüht, die drohende Gefahr abzuwenden. Das Parlament in Rom war seit längerem mit einer Änderung des staatlichen Jagdrahmengesetzes befasst. Immer wieder hieß es, das neue Gesetz werde bald verabschiedet, aber die Sache zögerte sich hinaus. Einige Südtiroler Parlamentarier brachten während der Behandlung des Gesetzes ihre Vorschläge und Anliegen ein. Vor allem mussten die Kontakte zu den Vertretern der Parlamentsmehrheit geknüpft werden. Der Südtiroler Jagdverband fand bei den Kammerabgeordneten Brugger, Widmann und Zeller aufmerksame Ansprechpartner, und der Europaparlamentarier Ebner berichtete kontinuierlich aus Brüssel, er hatte dort mit italienischen Abgeordneten, die der Regierungsmehrheit und gleichzeitig der Sache der Jagd nahe standen, sehr gute Kontakte geknüpft.
Es wurde bald klar, dass es keine Neufassung des Jagd- Rahmengesetzes mehr geben würde, aber die Chancen, einen wichtigen Artikel über das Haushaltsgesetz zu verabschieden, standen gut.
Dies ist nun gelungen, und die Wünsche des Jagdverbandes, die übrigens mit dem für die Jagd zuständigen Landesrat LH Durnwalder abgesprochen wurden und vom Landeshauptmann voll unterstützt wurden, konnten in einem Gesetz verankert werden. Es muss hinzugefügt werden, dass der italienische Jagdverband auf Anfrage all jener Provinzen, die eine Auslesejagd auf Schalenwild betreiben müssen oder wollen, weil sie die entsprechenden Bestände haben, ganz maßgeblich am Zustandekommen der Gesetzesänderung beteiligt war.
Der neue, kurze Artikel besagt, dass die Regionen und Autonomen Provinzen die Jagdzeiten auf das jagdbare Schalenwild auch außerhalb der vom staatlichen Jagdrahmengesetz vorgesehenen Zeiten festlegen können, wenn dafür Abschusspläne erstellt werden und wenn die zuständigen Fachgremien für die Wildtierfauna das Ganze positiv begutachten.
Die Nachricht über die neue Bestimmung hat innerhalb des Südtiroler Jagdverbandes für große Erleichterung gesorgt. Landesjägermeister Klaus Stocker bedankte sich stellvertretend beim Kammerabgeordenten Karl Zeller, und wir können einigermaßen beruhigt auf die kommende Jagdsaison blicken. 

Text:  Heinrich Aukenthaler -  Direktor Südtiroler Jagdverband

 

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