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Rehwildfütterungen
im Winter:
Notzeit kann man nicht pauschal an einer geschlossenen Schneedecke
festmachen. In welchen Regionen Rehwild wann Not leidet, ist mehr
als eine Frage der Witterung. Unterschiedliches Äsungsverhalten
und Ernteschock sind nur zwei Schlagworte in diesem Zusammenhang.
Im Streit um die Notwendigkeit der Wildfütterung kulminiert die
Heuchelei!“ (Hespeler1990). Kaum ein Thema wird unter Jägern
so emotional und hitzig diskutiert wie die Frage der
Winterfütterung. Laut Bundesjagdgesetz in
Deutschland beinhaltet der Jagdschutz auch den Schutz des Wildes
vor Futternot. Die Länder haben ausnahmslos die Fütterung des
Wildes in Notzeiten zur Pflicht gemacht. Man wundert sich, wie
das Wild in jenen noch gar nicht so fernen Zeiten zurecht
gekommen war, als es völlig ohne die Futtergabe der Menschen die
Winter überstehen mußte. Ist diese Art der Hege immer und
überall notwendig? Und ist sie noch zeitgemäß? |
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In der Natur
überleben: Wildtiere
haben gelernt, in der Natur zu überleben und brauchen daher
grundsätzlich auch kein Futter vom Menschen, im Gegensatz zu
Haustieren. An den winterlichen Nahrungsengpass sind sie
hervorragend angepaßt. Dieser wirkt als wichtiger Auslesefaktor in
einer Population. Individuen mit einer schlechten Kondition gehen
an Krankheiten zugrunde, werden von Räubern erbeutet oder
verhungern und dienen dann als Aas anderen Tieren zur Nahrung. Das Einzeltier spielt in der Natur nur eine nachgeordnete
Rolle. Wichtig sind das Überleben der Population und der mit dieser
weitergegebenen Gene. Der Tod von einzelnen Individuen kann für die
Population sogar von Vorteil sein. Wird die Nahrung knapp, haben die
Individuen mit geringerer „Fitness“ nur noch geringe Überlebenschancen
(Schwächeparasiten, Beutegreifer, Krankheiten, Hungertod). Die
vorhandene Nahrung kann dann von den Überlebenden besser genutzt
werden. Die Dichte einer Wildtierpopulation ist also in erster Linie abhängig
von der Nahrungskapazität ihres Lebensraumes.
An den Nahrungsmangel angepaßt
: An den winterlichen Nahrungsmangel haben sich unsere
wiederkäuenden Schalenwildarten seit |
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Millionen Jahren sehr wohl angepaßt. Als Pflanzenfresser müssen sie in
der Lage sein, die vegetationsarme Zeit zu überstehen: Alle
Hirschartigen haben ihre Physiologie im Winter darauf abgestimmt, dass
sie wenig oder keine Nahrung zu sich nehmen bei deutlich verringerter
Bewegungsaktivität.
Fischer (1992) hat an im Gehege gehaltenen Damhirschen gezeigt, dass
diese in den Monaten November bis März selbst bei optimaler Fütterung
weder zu- noch abnehmen. Entscheidend für die Fitness der Damhirsche
ist, mit welcher Kondition sie in den Winter gehen, und hier liegt der
Knackpunkt bei der ganzen Fütterungsdiskussion. In den folgenden
Ausführungen will ich mich ganz auf das Rehwild beschränken. Ein großer
Fehler in der Diskussion um die Winterfütterung ist ja gerade das
Vermengen von Ansprüchen unterschiedlicher Tierarten wie Reh und
Rothirsch. Beide haben aber eine unterschiedliche Physiologie und sind
daher |
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bei der Frage nach der Notwendigkeit und der Zusammensetzung von
Winterfütterung unterschiedlich zu behandeln. Das Rehwild ist hervorragend an die unterschiedlichen Jahreszeiten
angepasst. Im Winter beugt das dichte Winterhaar einem Wärmeverlust
vor. Die Bewegungsaktivität ist im Winter verringert – vorausgesetzt,
dass es nicht gestört wird. Ebenso ist der Stoffwechsel vermindert. Die
kräftezehrenden Rangkämpfe der Böcke finden im Frühjahr statt, wenn
ausreichend Äsung zur Verfügung steht. Die Eiruhe ist ebenfalls eine
hervorragende Anpassung an die kalte Jahreszeit, durch welche Energie
eingespart wird. Zudem werden im Herbst Fettpolster als Reserven
angelegt, falls ausreichend Äsung vorhanden ist. Die Fett- und Eiweißdepots
zu Beginn des Winters können aber den Grundumsatz nur etwa drei Wochen
decken.
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Bevorzugte Pflanzenarten: Laut Bundesjagdgesetz
ist der Wildbestand den landeskulturellen Verhältnissen anzupassen. Dies
bedeutet ganz einfach, dass sich die Größe einer Population der
Tragfähigkeit des Lebensraumes (=Biotopkapazität) anzupassen hat.
Die Biotopkapazität wird begrenzt durch einen jahreszeitlich bedingten
Flaschenhals. In der
Feldflur sind dies die „Ernteschocks“ von Mai bis Oktober, wenn die
zunehmend größer werdenden Schläge mit großen Maschinen schnell
abgeerntet werden und dadurch innerhalb von Stunden die Nahrungsbiotope
und Einstände unseres Wildes verschwinden. An diese Mangelsituationen
ist der Wildbestand anzupassen, nicht an das Maximalangebot im Frühjahr/Sommer.
Das Rehwild muss sich innerhalb von wenigen Tagen seine Nahrung anderswo
suchen und dies ist in der Regel im Wald. Nun hat plötzlich der Wald
eine höhere Wilddichte zu verkraften und dies äußert sich in verstärktem Verbiß an Forstpflanzen und der Krautflora. Rehe sind auf leicht
verdauliche Kohlenhydrate (vor allem Zucker) angewiesen. Rehe nutzen in
ihrem Lebensraum über 80 Prozent der vorhandenen Pflanzen. Einzelne
Pflanzenarten werden jedoch bevorzugt. So ernährten sich im westlichen
Frankreich untersuchte Rehe im Winter fast zur Hälfte von Efeu. Da Rehe
nur für einen begrenzten Zeitraum Fettreserven nutzen können, sind sie
auf Möglichkeiten zur Äsungsaufnahme angewiesen. |
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Gedanken machen!
Rehe im Winter mit stark
eiweißhaltigem Kraftfutter zu füttern, ist nicht tier-schutzgerecht!
Rehe können hohe Eiweißgehalte nicht verwerten. Um Stoffwechselstörungen
zu vermeiden, benötigen sie bei eiweißhaltiger Diät Stoffe, welche
Eiweiße binden. Das sind zum Beispiel Gerbstoffe (Tannine), die zum
Beispiel in Nadelbäumen vorkommen. Jeder mag sich seine Gedanken dazu
machen.
Ernsthafte Schwierigkeiten: Es bleibt festzuhalten:
Knospen und Blätter sind die normale Äsung der „Konzentratselektierer“
(engl. browser wörtlich „Knospenfresser“), wie Reh und Elch. Sie
verbeißen nicht aus Mangel oder Langweile, sie nehmen ihre normale Äsung
auf! In Naturräumen mit ausgeglichenen Wald-/ Feld-Anteilen ist der
Wildbestand relativ einfach an den jahreszeitlichen Nahrungsengpass
anzupassen, ohne dass die Bestände völlig ausdünnen. In ausgesprochen
waldarmen Gegenden, wie in Unterfranken oder Niederbayern, mit zum Teil
weniger als 10 Prozent Wald, würde dies aber bedeuten, dass dort fast
kein Rehwild vorhanden sein dürfte. Das Problem ist also, dass
heutzutage auf Grund der Landbewirtschaftung in dem Zeitraum Mangel
herrscht, in welchem die Hirschartigen normalerweise in einer
natürlichen Landschaft eine Mastsituation vorfinden und sich den
überlebensnotwendigen Feist anfressen können. Dieser deutlich vor dem
Winterbeginn liegende Zeitraum ist also heutzutage die Notzeit. Eine
zweite Notzeit tritt auf, wenn am Ende des Winters ab Mitte/Ende März
eine Stoffwechselumstellung auf Sommerbedingungen erfolgt. Damit einher
geht eine vermehrte Bewegungsaktivität und die inzwischen aufgezehrten Feistdepots müssen
wieder aufgefüllt werden. Diese Entwicklung ist nicht umkehrbar. Bei
einem erneuten Wintereinbruch, der in unseren Breiten durchaus möglich
ist, gerät das Wild dann in ernsthafte Schwierigkeiten.
Ignoranz auf Seiten des Gesetzes: Im Gesetz ist der Begriff
der Notzeit nicht durch die biologischen Fakten, sondern durch unser
menschliches Empfinden formuliert: „Zeiten, in denen dem Wild infolge
der Witterung (zum Beispiel anhaltende hohe Schneelage, längere
Frostperiode) oder infolge von Naturkatastrophen (zum Beispiel
Überschwemmungen oder Waldbränden) die ansonsten ausreichend vorhandene
natürliche Äsung fehlt“ (v. Pückler 1991). Die Tatsache, dass die
Hirschartigen bei winterlichen Verhältnissen kaum Nahrungsbedürfnisse
haben, wird also von gesetzgeberischer Seite völlig ignoriert. Dagegen
dürften die wenigsten Verfechter einer intensiven Wildfütterung daran
denken, dass sie bei hoher undlang anhaltender Schneelage auch eine
Fütterungsverpflichtung für andere, dem Jagdrecht unterliegende
Tierarten haben, zum Beispiel für den Mäusebussard.
„Tierschutz“ oder „Trophäenzucht“: Somit ist das, was viele Jäger
machen, eigentlich unnötig, nämlich bei hohen Schneelagen und bei tiefen |
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Temperaturen regelmäßig
mit ausgetüftelten Futtermischungen zu füttern. Die Behauptung, das Wild
brauche es, weil die Tröge nach wenigen Tagen leer sind, geht ins Leere.Die Rehe fressen das vorgelegte
Futter zwar, können es aber wegen ihrer Stoffwechselumstellung gar
nicht verwerten. Wenn man uns ein Schälchen mit Salzmandeln hinstellt,
langen die meisten von uns auch zu, obwohl wir eigentlich keinen Hunger
haben. Allerdings verwerten wir diese zusätzliche Nahrung sehr viel
besser als die Rehe, was mancher „Rettungsring“ beweist. |
Aber zurück zur eigentlichen Frage: Die Notzeit für unser Rehwild
liegt eindeutig in den Zeiträumen, wenn die Felder schlagartig
abgeerntet werden und plötzlich keine Äsung mehr zu finden ist,
gleichzeitig aber Reserven für die winterliche Ruhephase angelegt
werden müssen. In dieser Phase muß das Wild ausreichend Äsung zur
Verfügung haben. Hier liegt die Verpflichtung für uns Jäger, zusammen
mit den Grundbesitzern für ganzjährige Nahrungsbiotope zu sorgen. Gamswild im Karwendel oder Wetterstein hat mit Sicherheit härtere
Winter zu überstehen als das Rehwild auf der Frankenalb oder im
norddeutschen Tiefland. Dennoch wird es nicht gefüttert. Die
Winterverluste werden hingenommen (den Steinadler freut’s). Die
Reproduktionsrate ist wesentlich geringer als beim Rehwild. Glauben die
eifrigen Verfechter einer unkritischen Winterfütterung wirklich,
Rehwild müsse jämmerlich verhungern, wenn es nicht vom Jäger gefüttert
würde?
Ich glaube der Grund für die Anteilnahme am Rehwild liegt woanders: Es
ist immer noch verbreitet, in der Rehwildfütterung eine Möglichkeit zu
sehen, starke Trophäen heranzuzüchten. Manche vehementen Verteidiger
einer intensiven Fütterung sagen „Tierschutz“ und meinen „Trophäenzucht“.
Wenn in einer Mittelgebirgslage auf rund 500 Hektar 1,5 Tonnen Hafer von
Dezember bis März verfüttert werden, weil der Revierpächter „gerne
starke Trophäen schießt“, dann hat dies mit dem Sichern des Überlebens
oder mit Tierschutzgedanken gar nichts zu tun. Mittel- und langfristiges Ziel kann also nur sein, den herbstlichen
Nahrungsengpass durch ganzjährige Nahrungsbiotope zu auszugleichen. Ich
rede bewußt nicht von „Wildäckern“. Die sind auch wichtig, aber nicht
die einzige Lösung. Am besten sollte eine natürliche Herbstmast
ein reiches Angebot an Wildfrüchten (Eicheln, Bucheckern,
Kastanien, Beeren und anderes Wildobst) liefern. Dieses Angebot
wird von vielen Säugern und Vögeln genutzt, um sich die nötigen Feistreserven
für den Winter oder den Zug in die Winterquartiere anzufressen Ganzjährige
Nahrungsbiotope sollten also auch Flächen umfassen, auf denen
Wildobst, Beerensträucher und anderes mehr wachsen. Dies können
zum Beispiel entsprechend gestaltete Waldränder oder
Heckenstreifen sein. Die Zeiten sind günstig wie nie, solche
Flächen zu bekommen, denn es werden
mehr und mehr Schläge aus der intensiven landwirtschaftlichen Nutzung
herausgenommen. .
Auf den Standpunkt kommt es an: Solche Verhältnisse sind
aber in vielen Revieren, gerade in waldarmen Regionen, noch nicht
vorhanden. In diesen Fällen bietet sich eine artgerechte Fütterung als
Simulation der natürlichen Herbstmast dar. Rehwild benötigt wegen seines
besonderen Verdauungsapparates kräuterrreiches Heu (Grummet), um
ausreichend Nährstoffe zu erhalten. Als Saftfutter können Runkelrüben,
zusätzlich Obst oder Apfeltrester oder Ähnliches zugefüttert werden. Es
sollte aber allen Beteiligten klar sein, dass dies nur eine Krücke ist
und kein Dauerzustand sein kann! Aber man möge bedenken: |
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Es geht auch hier
nicht um eine Maßnahme, welche das Überleben sichert, sondern um eine
Maßnahme, das Wild ganzjährig zu bewirtschaften.Und diese Nutzung
natürlicher Ressourcen ist auch ein legitimes Recht der Grundbesitzer.
Darüber hinaus ist es wichtig, den Abschuss rechtzeitig zu tätigen. Der
Herbstverbiss schlägt zu Buche! Die Stücke, die frühzeitig erlegt
werden, können nicht mehr verbeißen. Die Drückjagd im Januar löst das
Problem nicht, im Gegenteil: durch den erheblichen Energieaufwand bei
der Flucht vor Hunden und Treibern wird bei den nicht erlegten Stücken
die Nahrungsaufnahme forciert. Jene Stücke, welche erst im Januar erlegt
werden, hatten viele Monate Zeit zu verbeißen. Wenn wir die
Bewirtschaftung unseres Wildes an diesen natürlichen Prozessen
orientieren, kommen wir der ökosystemgerechten Jagd wieder ein Stück
näher. Ob ich die Herbstmast für
unser Wild mit Hilfe geeigneter Fütterungskonzepte oder ob ich den
starken Weidedruck, der Halbtrockenrasen freihält, mit der Motorsense
simuliere, ist gleich natürlich oder gleich naturfern. Es kommt nur auf
den Standpunkt an.
Dieser Bericht
wurde uns freundlicherweise von der Redaktion von
WILD
UND HUND zur Verfügung gestellt.
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Bericht
von Dr. Harald Kilias -
Fotos: Webmaster
Walter P |