Bericht 48:  Unverhofft kommt immer öfter!

 

Am Dienstag, den 01.06.2010 ein Monat nach meinem Rehbock in Bayern, der eigentlich ein Knopfbock sein hätte sollen, wollte ich wieder einmal ins heimatliche Revier um dort nach einem geeigneten Bock für einen Freund zu sehen. Er hat beim Jägerball im Winter einen Trophäenbock in unserem Revier ersteigert. Er sollte einen guten Bock bekommen, also begab ich mich an einem Platz an dem eigentlich immer ein besserer Bock steht. Mehr als eine Leiter und ein paar Hölzer auf 4 bis 5 Meter Höhe steht da an dem Kastanienbaum nicht, die ich erkletterte . Man kann die teilweise ungenutzte Wiese vor sich beobachten, die sich von oben, am Stuberhof steil hinunter am Hoch “stand“ vorbei bis an den Wald in ca. 120 Meter erstreckt. Hier habe ich vor ein paar Jahren einen Kapitalbock fotografieren können. Außerdem gelangen mir hier auch einige Fotos auf Rehbock und Geis auf extrem kurze Distanzen, wobei sich die Rehe auf halber Höhe befanden und mein Hund zitternd am Leiterende saß. Der untere Teil der Wiese wird vom Bauern schon einige Jahre nicht mehr gemäht. Gerne hält sich hier unser Wild auf.

Schon früh am Abend komme ich zur besagten Leiter. Der Hund wird unten abgelegt und ich baume auf. Die paar Hölzer sind gar nicht einladend, es sich auf ihnen bequem zu machen. Also bleibe ich stehen, da ich so besser in das hohe Gras und über einige Hindernisse sehe. Lediglich mein Rucksack wird darauf abgelegt.  Die Waffe kommt an einen Haken, der am Baumstamm angebracht ist.

Ich leuchte mit meinem Glas die Umgebung ab und schon bald entdecke ich ein paar Lauscher im tiefen Gras. Sie gehören zu einer Rehgeiß, die es sich knappe hundert Meter unterhalb von mir bequem gemacht hat. Ich hole meine Fotokamera heraus, wechsle das Objektiv und versuche ein paar Fotos zu schießen. Das Reh beginnt bald zu äsen und bewegt sich zu einer Stelle, wo ich bessere Fotos machen kann. Und bald tut sie sich wieder nieder. Ich kann dabei auch meine neue Filmkamera testen.

Da ich die Jagdzeitschrift „Die Pirsch“ mit im Rucksack habe und sich sonst nichts tut, hole ich auch sie aus dem Rucksack. Die anderen Utensilien kommen alle auf den Haken über die Waffe. Ich möchte nicht, dass irgendetwas hinunterfällt, denn auf der hinteren Seite trennen mich über 10 Meter vom Boden, weil sich die Leiter auf einer steilen Böschung befindet.

Die Pirsch schreibt einen Artikel über Hunde auf dem Hochsitz, unter dem Hochsitz usw. Beim Lesen schweifen meine Blicke hinunter zu meinem treuen Begleiter, der mich über sich oben beobachtet. Gerne würde ich seine Gedanken lesen können…..:“ Was will der Alte denn da oben. Der steht da so komisch herum….“ Ich fotografiere ihn von oben und merke, dass es schon langsam etwas duster wird. Sturmartig bläst der Wind – die Richtung täte wohl passen, aber wie heißt es so schön: „Wenn der Wind geht, soll der Jäger zu Hause bleiben.“  Inzwischen schaue ich immer wieder die Runde ab mit und ohne Glas, kann aber nichts entdecken. Eigentlich erwarte ich mir heute auch nicht viel, sondern möchte einfach nur entspannen und abschalten.

Plötzlich flüchtet die Rehgeiß, wie von der Tarantel gestochen, an uns vorbei in die Höhe bis sie ca. 70 Meter oberhalb wieder weiter äst. „Was soll denn das, denke ich bei mir….“ Und schon geht die Muttergeis wieder ins Lager. Ich habe inzwischen die pralle Spinne entdecken können. Sie wird wohl irgendein Geräusch gehört haben oder sie hat nicht alle Tassen im Schrank. Ich lese weiter in der Jagdzeitschrift. Aber es lässt mir keine Ruhe – das muss doch irgendeinen Grund haben, dass sich die Geis so auffällig verhält!? Ich schaue ohne Glas diesmal, den Waldrand ab, kann aber wieder nichts entdecken. Die Dämmerung beginnt, die Farben ändern sich, so wie der Wurzelstock am äußersten unteren Ende der Waldwiese - er erscheint mir jetzt so richtig rot. Ich denke noch bei mir, dass es schon interessant ist, wie sich die Natur mit dem schwindenden Licht verändert. Trotzdem nehme ich mein Glas zur Hand und (!!!) - ich erschrecke – das Rote – das ist kein Wurzelstock! – der Puls steigt – Adrenalin und Aufregung machen sich spürbar - das ist Rotwild und ich kann zudem zwei Spieße, nein nur Knöpfe auf dem Haupt entdecken! Also ein C-Hirsch (das ist ein einjähriger Spießer)-  genau wie er auf unserem Abschussplan steht! Rotwild ist aber im Revier eher selten anzutreffen, deswegen mein „Aufregung“.

Meines Vaters Spruch kam mir wieder in den Sinn: „Ein Jägerblick ist ein Augenblick“: Die Waffe vom Haken genommen, nachdem ich dort auch die Foto- und Filmkamera entfernt hatte, am Baumstamm angestrichen. Noch ein kurzer Blick auf das Haupt des ungewohnt großen Wildes, dann hinters Blatt und schon drückt mein Zeigefinger langsam auf den Direktabzug meiner Steyr Mannlicher (Kaliber 270 Win). Der Schuss bricht und schon ist der Hirsch im nahen Wald verschwunden. Dass er den Schuss angenommen hat, ist mir klar, denn der Schmalspiesser hat gut gezeichnet. Ich befinde mich ca. 6 Meter auf einem Baum und habe extrem steil nach unten geschossen. Das wird mir erst jetzt klar und ich befürchte einen Krellschuss. Ich zittere am ganzen Leib, ist es doch mein erstes Stück Rotwild im heimatlichen Revier. Und ich gehe ja immerhin dort schon seit fast 22 Jahren auf die Jagd. Außer einem imposanten Anblick von einem wohl älteren Hirschen samt Beihirsch und zwei oder dreimal Kahlwild, ist es diesmal das erste mal, dass ich Rotwild vor mir habe – und dann noch schußbares. Im ersten Augenblick weiß ich nicht, was ich nun tun soll. Soll ich warten oder soll ich den Anschuss untersuchen? Eigentlich bin ich mir sicher, dass das Stück liegt und so entscheide ich mich für letzteres, da es auch schon ziemlich finster wird. Mir kommen noch die verschiedensten Zweifel, ob es wohl kein Alttier mit Kalb sei, das ich da gesehen hatte oder ein Hirsch mit kürzlich abgeworfenen Stangen, (wie es einem Jagdkollegen vor einem Monat passiert ist). Also habe ich all mein Krempel zusammengepackt und habe abgebaumt. Rocky mein BGS schaut mich fragend und vorwurfsvoll an – hatte er ja aus seiner Position nichts von alledem mitbekommen. Nur den Schuß hat er gehört und ist ebenfalls entsprechend nervös. Oder war es meine Nervosität, die sich von mir auf ihn übertrug? Also machen wir uns gemeinsam auf den Weg hinunter zum Ort des Geschehens.

Da ich vermutete, dass der Hirsch nur eine kurze Todesflucht in den Wald gemacht hat, umschlage ich den Anschuss und versuche die vermutete Stelle im Wald seitlich, bzw. unterhalb zu erreichen. Da sehe ich schon im allerletzten Licht den gestreckten Hirschen liegen. Mein Herz fängt an zu hämmern und das Jagdfieber wiederholt sich. Zitternd und aufgeregt nehme ich nun den Hirschen in Besitz. Er ist im Augenblick das Kapitalste, das ich mir vorstellen kann, auch wenn er als Kopfschmuck nur Knöpfe trägt!

Ich knie mich zu ihm hin und komme so langsam wieder zur Ruhe. Dass mir heute so ein Glück widerfährt, hätte ich nicht gedacht.

 Ich rufe meinen Jagdfreund an, der mir bei der Bergung behilflich sein sollte. Bis er kommt, wird der Hirsch noch von mir verblasen, das lasse ich mir nicht nehmen. Noch lange hallt der letzte Ton in meinen Ohren, auch wenn eigentlich nichts mehr zu hören ist. Bald taucht der Freund mit ein paar Jagdkollegen auf, als ich grade bei der roten Arbeit bin. Noch im Wald wird erzählt und diskutiert, sowie begutachtet, bis irgendwann die Entscheidung fällt: Das Tier müssen wir ja noch abtransportieren. Die Frage ob steil nach oben oder steil nach unten ist bald geklärt: Abwärts geht’s doch leichter, auch wenn dort unwegsames Gelände ist.

Ich habe soeben einen kurzen Strick um das Haupt des Hirschen gelegt und will anziehen, als ich über etwas Rundes, Hartes stolpere. Mit der Stirnlampe begutachte ich das Hindernis, das sicher 15 – 20 cm unter Falllaub lag: Es war ein verwittertes Haupt eines Rehbockes! Eine Stange abgebrochen – wohl von einem Verkehrsunfall herstammend – zumal sich oberhalb und unterhalb der Stelle eine Straße befindet. Auch eine einmalige Sache: Da muss ich wohl einen Hirschen erlegen und nachts im hohen Bodenlaub einen Trophäenbock zu finden…

Der Rest ist bald erzählt: Der Hirsch wurde abtransportiert und gemeinsam tot getrunken, so wie es sich gehört! Zum Hirschen gesellte sich dann noch ein Schmaltier, das ein Jagdkollege auf Einladung in einem anderen Revier erlegen konnte. Beide Lebern wurden ein paar Tage später gemeinsam mit den Jagdkollegen verspeist.     -    Schian wors!


Weidmannsheil

                                                                                                     Bericht und Fotos: Diether Platzgummer  

 

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