Bericht 81: Die Alte

Schon zweimal haben wir, mein Gamsführer und ich, die Verabredung zum Gamsjagen verschoben. Es goss wie aus Kübeln.

Beim dritten  Mal haben wir den Aufstieg gewagt und haben auch kurz zwischen einem Nebelschwaden und dem anderen etwas Anblick gehabt.

Als der Nebel sich verzogen hat war es dann zu heiß und die Gams haben sich in die tiefer gelegenen kühlen Wälder  verzogen.

Bis zum Abend hatten wir zwar reichlich Anblick, aber die gesuchte Altgeis war nicht dabei.

Es folgt dann noch ein Aufstieg, der komplett im Nebel verlief, sodass wir ohne irgendwelchen Anblick  wieder ins Tal abstiegen.

Dann am 18. September 2010 – es regnete natürlich wieder – haben wir uns trotz ungemütlichem Wetter wieder in die Höhe gewagt.  An der Waldgrenze angekommen konnten wir auf ca. 450 Meter eine einzelne Gams beobachten. Durchs Spektiv war eine Gamsgeis älteren Kalibers zu erkennen. Es war kein Kitz in der Nähe, also stiegen wir noch ein Stück auf um dann auf kürzere Distanz anzusprechen und gegebenenfalls zu schießen. Das fäng ja schon mal gut an!

Wir kamen auch auf gute 200 Meter an die Gams heran, um dann das dazugehörende Kitz zu entdecken. Naja zumindest ist es ein schöner Anblick.

Die beiden gehörten zu einem 7-köpfigen Rudel, das wir von unserem ersten Standpunkt aus nicht sehen konnten: Drei Geisen mit ihrem Nachwuchs und eine jüngere Gamsgeis ließen uns auf 70 – 100 Meter einige Fotos machen. Dann empfahlen wir uns, ohne dass das Rudel von uns Notiz nahm.

Oberhalb der Hahnenkammhütte, kurz unter dem Pfitsch-Kopf biegen wir vom Wanderweg auf den Jägersteig. Vorsichtig pirschen wir weiter ganz langsam, denn hinter jeder Bergkuppe können Gams stehen. Und – siehe da – schon bald entdecken wir eine!

Mein Begleiter P.  zeigt auf einen Gamsjahrling: „Da könnte ev. eine ältere Gamsgeis dabei sein“, meinte er und es war auch so:
In dem Augenblick kann ich ihm schon die zweite Gams zeigen, die oberhalb des Jahrlings hinter einer Staude hervorkommt.

Schon blickt sie in unsere Richtung! Mein Gamspirschführer raunt:  „ Das ist eine Kapitale – die dürfen wir uns nicht vertun!“

Nun kommt eine Zeit des Wartens für mich, denn P. spricht die Gams durchs Spektiv an. Sie soll ja mindestens 11 Jahre alt sein und vor allem darf sie kein Kitz führen.

Ich lasse ihn mit Ruhe ansprechen und verfolge die beiden Gams mit dem Glas, wie sie sich langsam tiefer hinunter bewegen. Endlich zeigt uns die Gamsgeis ihren „Spiegel“ und es wird klar: Kein Kitz!

„Die kannst Du schießen“ flüstert mir P. zu.

Als ob die Gams dies gehört hätten, springen die beiden flüchtig ab in den Wald.

Als ich das Ok bekomme, zucke ich sichtlich zusammen, so seine spätere Beschreibung meiner Reaktion.

Ich angle mir meine „Rosmarie“ (Eingeweihte wissen, dass ich so meine Steyr SBS - .270 Win nenne)

Aber ich sehe keine Gams mehr. Da komme ich geflüstert, dass der Jahrling grad eben eine freie Fläche etwas tiefer durchzogen hat. Da würde wohl auch die Geis folgen! Wie ich mich auf dem Boden einrichte, sehe ich die Gamsgeis auch schon dort und P. bestätigt mir kurz:  „ Des isch sie!“

P. kennt die Geis gar nicht. Sie hat hohe pechige Krucken und wäre so leicht zu erkennen, da bei uns Pechkrucken sehr selten sind. Später stellt sich heraus, dass diese Gamsgeis bisher überhaupt nur einmal von einem Mitjäger gesehen worden ist. Es ist wohl eine Gamsgeis, die sich normalerweise etwas tiefer im Wald aufhält und sich heute einmal wegen dem schlechten Wetter und dem Gamshüter (Nebel) in die Höhe getraut hat.

Der Schuss muss schnell fallen, denn die Gams ist im Begriff abzuspringen!  Die Chance, die Gams ein andermal wiederzufinden ist sehr gering!

Die Waffe liegt ruhig, da ich einen Zweifuss benutze. Das Absehen ist hinter dem Blatt. Normalerweise lege ich unter dem Hinterschaft noch mein „Spezial-Reis-Säckchen“ das ich auch für Spektiv und Fotoapparat benutze. Diesmal bleibt aber hierfür keine Zeit mehr. Da muss die Faust als Unterlage genügen. Die Entfernung von ca. 200 Meter habe ich vorher schon gemessen.

Eine kurze Kontrolle, ob sich Gras vor dem Lauf befindet und schon bricht der erlösende Schuss.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Gams getroffen ist, kann aber kein Zeichnen erkennen, da der Rückstoß die Waffe hebt. Ich sehe die Beschossene nur noch kurz vor dem Waldrand, scheinbar gesund, verschwinden.

Ein fragender Blick an meinen Begleiter erntet nur die Antwort: „De hosch gfahlt!“

Sie habe nicht gezeichnet! „Bitte nicht!“ denke ich.

Wir packen zusammen und begeben uns näher an den Ort des Geschehens. Hier sehen wir auch etwas tiefer in das Tal, in die Rinne in welche die Gams abgesprungen ist.

Wir besprechen noch, wie ich abgekommen bin. Aber ich komme zum Schluss, dass ich nicht glaube gefehlt zu haben. Für einen Happen zu essen fehlt uns der Appetit. Al so schweigen wir uns einfach eine Weile an.

Auf einmal hören wir deutlich, wie am Gegenhang, dort wo sich der Anschuss befindet, ein paar Äste brechen, und kurz darauf folgt ein dumpfer Aufschlag. Kalt läuft es mir über den Rücken!

Wir sehen uns an und können uns beide ein Grinsen nicht verkneifen. Eindeutig war das unsere Gams! Das, was man danach hört, kommt vom Stein der bei mir vom Herzen fällt!

Nun können wir getrost hinabsteigen. Es ist ziemlich steil und wir müssen vorsichtig sein, da es durch die Nässe rutschig ist. Schnell kann etwas passieren.

Steil ist es und wir müssen durch einige Fichtengruppen durchkriechen. Am Anschuss angekommen, führt uns mein BGS zur verendeten Gamsgeis.

Der erste Blick fällt zwischen die Hinterläufe: Sie ist gelt, also ist Punkt eins der Voraussetzung erfüllt. Der zweite Blick und der entsprechende Griff an die pechige und hohe Krucke bestätigt das wahrscheinliche Alter von 11-12 Jahren, also stimmt auch das Alter. Ein Bravo dem Gamspirschführer! Der Abschuss passt!

Juhuuuhuuuu – hallt es vom Berg und dieser antwortet mir sogleich. So ein passender Abschuss ist die Krönung für einen Jäger.

Die rote Arbeit ist bald erledigt und nochmal schallt es vom Berg: Auf meinem Taschen-Jagdhorn spiele ich der „Alten“ das Signal: „Gams tot“. Und wieder bekomme ich das Echo zurück. Ein schöner Augenblick, den wir da erleben dürfen: Eine alte Gamsgeis wurde erlegt, in Begleitung eines guten Freundes, der sich ehrlich mitfreut. Spannung hat uns begleitet, von der Sichtung der Gams bis zum hinzutreten an die Erlegte! Da hat Hubertus mir wieder einmal zugewinkt!

So und jetzt muss die Gams wieder hinauf auf den Pirschsteig, denn nur dort können wir sicher mit der Beute absteigen. Ich wuchte mir die Gams auf den Rücken und keuche in die Höhe. Auch das gehört dazu zur Gamsjagd! Aber es ist bald geschafft und wir können nun den inzwischen aufgekommenen Appetit mit einem „Holbmittog“ stillen.

Inzwischen ist dichter Nebel aufgezogen. Trotzdem gelingen uns ein paar schöne Erinnerungsfotos!

Das Wetter wird wohl schlechter, also entscheiden wir uns für den Abstieg. Durch die Gams im Nacken schwitze ich wie verrückt, aber ich bin glücklich über den gelungenen Jagdtag und so sind wir bald im Kreise einiger Jagdfreunde, die sich mit mir über den kapitalen Abschuss freuen.

Oft wird die Krucke in die Hand genommen und die Jahresringe gezählt. Es ist schwierig, da das Pech die Jahresringe fast komplett bedecken. Aber das Resultat ist immer dasselbe:  11 oder 12 Jahresringe lassen sich herauslesen!

Weidmannsdank an meinen Gamspirschführer!

Weidmannsheil

                                                                                                    Bericht und Fotos:  Diehter Platzgummer

 

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