GAMSRÄUDE und jagdliche Maßnahmen

Nachdem in den letzten Monaten in Kärnten und Osttirol vermehrt Fälle von Gamsräude aufgetreten sind und eine Verbreitung der Räude befüchtet werden muss, machen Dr. Armin Deutz und Dr. Gunther Greßmann Vorschläge zur Räudebekämpfung sowie zu Vorbeugemaßnahmen.

Der Gamsräudeerreger, die Grabmilbenart Sarcoptes rupicaprae, ist sehr vermehrungsfreudig. Die bis 0,4 mm großen Milbenweibchen graben Bohrgänge in die Haut, wo sie Eier ablegen. Die daraus schlüpfenden Larven wandern nach Häutungen an die Hautoberfläche und paaren sich dort nach Erreichen der Geschlechtsreife, die bereits 18 bis 24 Tage nach dem Schlüpfen aus den Eiern eintritt.

Die Übertragung erfolgt durch direkten Kontakt, wie Benützung derselben Lager, Geiß-Kitz-Kontakt und Kontakte in der Brunft. Der Befund, dass Geißen nach der Brunft meist am Rücken und Böcke meist am Bauch erkranken, weist auf die Übertragung während des Beschlagens hin. Außerhalb des Wirtstieres sind Räudemilben nur kurzfristig (max. 14 Tage bei 5 °C und hoher Feuchtigkeit, meist höchstens 1 Woche) überlebensfähig, und sie entfernen sich auch nur höchstens einen Meter vom toten Wirt, was „Verbrennungsaktionen“ bei Fallwild erübrigt.

 Typische „Räudegipfel“: Typisch für Räude ist ein wellenförmiger Krankheitsverlauf mit sieben- bis fünfzehnjährigen Krankheitsgipfeln. Im Monatsverlauf der Räudefälle zeigte sich bei der Auswertung umfangreicher steirischer Daten (1952 bis 1998) ein Anstieg im August und ein weiteres deutliches Ansteigen während und nach der Brunft. Dadurch wird deutlich, dass extreme körperliche Belastung, Stress und mangelnde Nahrungsaufnahme neben den in der Brunft natürlich häufigeren Körperkontakten prädisponierende Faktoren im Räudegeschehen darstellen. Danach ist ein starker Rückgang der gemeldeten Fälle von Jänner bis März zu erkennen, was nicht zuletzt mit der geringeren Beobachtung des Gamswildes in dieser Zeit zusammenhängen mag (Ende der Schusszeit, hohe Schneelagen, Lawinengefahr). Bei den Geißen fällt ein Gipfel der Erkrankungshäufigkeit im August (Zeit der Hochlaktation) auf (GRESSMANN u. DEUTZ, 2000).

In einer italienischen Untersuchung (ROSSI et al., 1995) wurde ein jährliches Fortschreiten der Räude um durchschnittlich 3,4 km beobachtet. Im steirischen Untersuchungsgebiet war diese Ausbreitungsgeschwindigkeit in Ost-Westrichtung zu bestätigen. In Richtung Süden war in den Jahren 1980 bis 1984 jedoch ein jährliches Fortschreiten der Räude um 15 bis 20 km festzustellen, wobei an diesem Seuchenzug aber erkranktes Steinwild mit beteiligt war (DEUTZ et al., 1999).

Jagdliche Maßnahmen:  Im Seuchenzentrum sollte nach Möglichkeit jede Beunruhigung des Wildes – auch durch Jagddruck – vermieden werden, während in den umliegenden Gebieten eine schärfere Bejagung vor allem in der Jugendklasse gerechtfertigt ist. Ein „Auswandern“ der Stücke sollte damit verhindert werden.  Bei einem Schuss in ein Gamsrudel, in dem einige Stücke räudekrank erscheinen, werden die übrigen Gams meist in alle Himmelsrichtungen versprengt. Wenn Räudestücke darunter sind, die nicht erlegt werden können, kommt es zu einer weiteren Ausbreitung der Seuche. Nur bei einer hohen Wahrscheinlichkeit, dass gleich mehrere Stücke zur Strecke gebracht werden können, wäre es vertretbar, diese aus der Wildbahn zu entnehmen.   Wenn nur einzelne Gams in einem Rudelverband erkranken, werden diese im Normalfall von den noch gesunden Stücken abgedrängt und vertrieben. Sollten dem Anschein nach gesunde und sichtbar räudekranke Gams zusammenstehen, kann davon ausgegangen werden, dass alle Stücke von der Räude befallen sind. Dabei muss beachtet werden, dass die äußeren Erkennungsmerkmale erst sehr spät – meist erst wenige Wochen vor dem Tod des Stückes sichtbar werden.  Ein einzelner Gams, der nicht altersbedingt alleine steht, sollte in Räudegebieten genau auf räudetypische Anzeichen angesprochen werden. Weist ein solcher Gams Räudemerkmale auf, so ist er so schnell wie möglich von seinem Leiden zu erlösen. WICHTIG: Beim erlegen einer räudekranken Gams, Ruhe bewahren und abwarten, bis das Rudel langsam abzieht, nicht sofort hinlaufen und die Gämse in alle Richtungen sprengen. Ein wesentlicher Punkt ist die Vermeidung von Beunruhigung des Wildes in einem Seuchengebiet. Der Faktor Ruhe sollte auch bei den Bejagungsmethoden bedacht werden. Riegeljagden, die heute nur noch selten durchgeführt werden, würden das Gamswild versprengen und unnötig beunruhigen, weshalb in Räudegebieten davon Abstand genommen werden sollte. In bisher von der Räude verschonten Gebieten wären Gamswildriegeljagden vorteilhaft, da sie trotz einer kurzfristigen Beunruhigung anschließend lange Ruhezeiten nach sich ziehen. Riegeljagden können auch gleich zu Beginn der Schusszeit abgehalten werden, was den Jagddruck in der kalten Jahreszeit senkt. Bei solchen Bewegungsjagden werden hauptsächlich Stücke in der Jugendklasse entnommen, die auch einen Großteil des Abschusses auf Einzeljagden – wie Ansitz oder Pirsch – ausmachen sollten. Werden all diese Stücke im Zuge von Einzeljagden erlegt, ist im Revier nicht eine einmalige, sondern eine ständige Beunruhigung gegeben, die sich negativ auf das Befinden des Gamswildes auswirkt. Grundsätzlich sollte beim Gamswild darauf geachtet werden, dass der Abschuss so früh wie möglich erfüllt wird, damit die jagdliche Beunruhigung im Winter bei hoher Schneelage vermindert wird. Wild ist aber nicht nur der jagdlichen Beunruhigung ausgesetzt, sondern auch Störungen durch Freizeitaktivitäten des Menschen. In Seuchengebieten sollten auch diese Störungen vermieden werden.

Kitzabschuss: Die natürlichen Ausfälle bei den Jungtieren im Gebirge können an die 50 % betragen, was bei einer Kitzbejagung in Hochlagen zu berücksichtigen ist bzw. diese überhaupt entbehrlich macht (Jelinek, 1989). Kitze oder Jahrlinge, die in diesen Regionen bejagt werden, fallen unter den so genannten kompensatorischen Abschuss (Miller, 1999). Das heißt, Abschüsse dieser Tiere nehmen Wintereingänge vorweg. Dadurch ist es den nun kitzlosen Geißen früher möglich, sich zu erholen und auf den Winter vorzubereiten. Weiters belasten die erlegten Kitze nicht mehr das vorhandene Nahrungsangebot in den Wintereinständen. Allein schon beim Abschuss führender Geißen stellt sich aber die Notwendigkeit eines Kitzabschusses. Es kann aber durchaus Vorteile bringen, auf einen späten Abschuss und die dadurch entstehende Beunruhigung im Winter zu verzichten, auch wenn die Gefahr besteht, das eine oder andere Stück als Fallwild zu verlieren. Bei diesen Überlegungen spielt die Größe des Rudels, aus welchem das Kitz erlegt werden sollte, und das Verhalten des Jägers nach dem Schuss eine entscheidende Rolle. Bei kleinen Rudeln ist die Beunruhigung deutlich geringer als bei größeren.

Jagdmethoden:  Bevor man auf die Wahl der Jagdmethode eingeht, stellt sich die Frage, ob im Falle eines Räudeausbruches überhaupt gejagt werden soll. Einig scheint man sich derzeit nur darüber, dass die Räude ab einer Wilddichte von etwa 1,3 (Rossi, 1999) bis 1,5 (Guberti, 1999) Stück/100 ha von selbst erlischt. Rossi ist auch der Ansicht, dass diese Dichte unabhängig von den jeweils zur Eindämmung gesetzten Maßnahmen früher oder später erreicht wird. Dies würde bedeuten, dass es eigentlich gleichgültig ist, ob man im Falle eines Räudeausbruches erkranktes Wild bejagt oder nicht. Somit scheint die Frage berechtigt, ob es nicht durch eine verstärkte Bejagung und die damit einhergehende Beunruhigung des Wildes zu einer Verschärfung der Situation kommt. Lavin (1999) hingegen berichtet, dass durch konsequenten Abschuss der sichtbar an Räude erkrankten Stücke das Fortschreiten innerhalb von 5 Jahren von 6,5 km/Jahr auf 0,5 km/Jahr verringert werden konnte. Eine Bejagung würde somit sinnvoll erscheinen, da (falls man die Räude nicht zum Stillstand bringt) die gewonnene Zeit für weitere Maßnahmen genutzt werden kann. Auch die Autoren vorliegender Arbeit sind der Meinung, dass räudekranke und verdächtige Tiere erlegt werden sollten. Einerseits wird der Infektionsdruck verringert und anderseits die Ausbreitungsgeschwindigkeit verzögert. Außerdem kann vielen Tieren ein qualvoller Tod erspart werden, was nicht zuletzt tierschutzrelevant ist. Im Hochgebirge hat sich seit Jahrzehnten die Pirsch oder der Ansitz auf Gamswild beziehungsweise meist eine Kombination dieser beiden Jagdmethoden durchgesetzt. Andere Methoden wie Bewegungs- oder Treibjagden, als Beispiel die klassischen Gamswildriegler, werden kaum mehr abgehalten und geraten immer mehr in Vergessenheit. Durch diese Jagdarten könnte aber auch eine gewisse Verminderung der Räudegefahr erreicht werden. Sie haben den Vorteil, trotz einer kurzfristigen Beunruhigung anschließend lange Jagdruhezeiten zu bringen. Ein weiterer großer Vorteil im Hochgebirge ist die Tatsache, dass solche Jagden bereits mit Beginn der Schusszeit erfolgreich abgehalten werden können, da nicht, wie in bewaldeten Gebieten, auf den Laubfall gewartet werden muss. Die Beunruhigung in Revieren, die einen großen Abschuss zu tätigen haben, ist bei Treib- oder Bewegungsjagden ungleich geringer, als wenn alle Stücke im Einzelabschuss erlegt werden würden. Denkbar sind Treib- oder Bewegungsjagden vor allem in Gebieten, die bis jetzt von der Räude verschont geblieben sind. Aber auch in „klassischen Räudegebieten“ (Gebiete, in denen Räude immer wieder auftritt, derzeit aber nicht akut ist) wären solche Jagden bei sorgfältiger Planung durchaus zu überlegen. Als Auflage sollte hier allerdings gelten, dass in den letzten 12 Monaten kein Räudefall im Umkreis von 10 km um das geplante zu bejagende Gebiet aufgetreten ist. Hunde dürfen dabei nicht zum Einsatz kommen, da das Gamswild auf Störungen durch Hunde sehr empfindlich reagiert (Krewer, 1998). Auf keinen Fall dürfen Bewegungs- oder Treibjagden in Randgebieten der Räude oder beim Auftreten akuter Krankheitsfälle durchgeführt werden.

Eine weitere Möglichkeit, die Räudegefahr herabsetzen zu können, ist – im Zusammenhang mit einer Verschärfung der Bejagung in den bewaldeten Bereichen – die Schaffung von Jagdruhezonen im hochalpinen Freigelände. Gerade an Räude erkranktes Gams- und Steinwild steht häufig in niedrigeren Lagen, was bedeutet, dass vor allem in diesen Arealen Gamswild sehr genau auf Räudemerkmale zu kontrollieren ist.  Grundsätzlich sollte jeder Abschuss so früh wie möglich getätigt werden. Gegen eine gewissenhafte, zahlenmäßig eingeschränkte Jagd in der Brunft ist sicherlich nichts einzuwenden. Leider werden im Ostalpenraum aber rund zwei Drittel des Gamsabschusses in den Monaten November und Dezember getätigt.

Nach der Wildfleischverordnung ist das Wildbret von an Räude erkrankten Gams tauglich, sofern keine deutliche Abmagerung und keine substantiellen Mängel des Fleisches vorliegen oder die Veränderungen Ekel erregend sind. Eine Tauglichkeit ist demnach sicherlich nur bei geringgradiger, lokaler Räude (z. B. beginnende Räude am Haupt) gegeben.        

Dieser Bericht wurde uns freundlicherweise von der Redaktion  "DER ANBLICK"  zur Verfügung gestellt.

 nach oben