Der Schrotschuss


Der Schrotschuss: (k)ein geeignetes Instrument zum „waidgerechten“ Töten?

Die Arbeitsgemeinschaft Naturnahe Jagd Schleswig-Holstein, der Deutsche Jagdschutzverband und die Landesjagdverbände erinnern die Jäger mit Regelmäßigkeit an ihre ethische und gesetzliche Pflicht, das Wild so zu erlegen, dass ihm vermeidbare Schmerzen und Leiden erspart bleiben.

In der Praxis jedoch ist leider zu beobachten, dass viele Jäger dieses Gebot nur unzureichend befolgen. Das gilt insbesondere beim Schießen mit Schrotgewehren auf sich bewegende Ziele. In Deutschland erkennt man
derzeit bei den praktizierenden Jägern kaum Bereitschaft, das Problem überhaupt wahrzunehmen, geschweige denn es objektiv anzugehen und nach Erklärungen und Lösungen zu suchen.

In den skandinavischen Ländern und in Nordamerika hingegen hat sich längst die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Schrotjagd vielfach zu dem Ergebnis führt, dass beschossene Tiere keinesfalls unmittelbar getötet werden,
sondern verletzt entkommen und mit hoher Wahrscheinlichkeit gesundheitlich beeinträchtigt sind bzw. nach längerem Leiden sterben.
In den USA werden jährlich etwa 14 Millionen Wasservögel erlegt. Vier Millionen weitere werden dabei krankgeschossen und entkommen. Viele von ihnen werden wahrscheinlich den Verletzungen erliegen. Man muss also davon ausgehen, dass zu der Jagdstrecke noch etwa ein Drittel (28%) Schussopfer
zu addieren sind.

In Dänemark haben Untersuchungen und Modellrechnungen ergeben, dass auf 10 totgeschossene Kurzschnabelgänse 5 angeschossene Gänse kommen. In einer anderen Studie fanden Wissenschaftler sogar einen Anteil von 7 krankgeschossenen Gänsen auf 10 getötete Tiere. Bei gefangenen jungen Kurzschnabelgänsen im ersten Lebensjahr ergaben Röntgenuntersuchungen einen Anteil von 24% mit Schrotkugeln im Körper, bei älteren gar 36%. In England wurden adulte Kurzschnabelgänse untersucht. 39% waren mit Schrotkugeln belastet. Schwedische Forscher ermittelten bei jungen Saatgänsen 28% Schrot-verletzte Individuen und 62% bei den älteren
Vögeln.

Die Sterblichkeitsraten bei verletzten Tieren sind schwer zu ermitteln.
Modellrechnungen ergaben keine eindeutigen Richtwerte. Sie zeigen jedoch erhöhte Mortalität bei Schrot-verletzten Vögeln gegenüber nicht verletzten.
Die Untersuchungsergebnisse sind mit hoher Sicherheit auf die Situation in Deutschland zu übertragen. Hier wird im Unterschied etwa zu Skandinavien noch überwiegend Bleischrot verwendet. Dieses Schwermetall belastet
angeschossenes Wild nicht nur durch die Verletzungen beim Einschlagen in den Körper, sondern auch durch seine toxische Wirkung. Es löst sogar Kettenreaktionen aus, indem Wildtiere, welche angeschossene Vögel oder
Säugetiere fressen, ebenfalls vergiftet werden . Studien an Seeadlern ergaben bei 28% bzw. 20% Vergiftung durch Blei aus Schrot- und Kugelmunition als Todesursache. Seeadler erbeuten angeschossene Wasservögel und ernähren sich auch von Kadavern und Aufbruch. Würde man für die schleswig-holsteinische Jahresstrecke von 2002/2003 an Enten und Gänsen, die ca. 75.000 Individuen betrug, aufgrund der oben zitierten Erfahrungen aus Skandinavien annehmen, dass auf jeweils 10 unmittelbar getötete 5 verletzte Tiere zusätzlich entfallen, so würde das bedeuten, dass weitere 37.500 angeschossen entkommen sind!

Für die hohe Rate von verletzten Wasservögeln und ggf. sekundär vergifteten Beutegreifern machen Fachleute Jäger verantwortlich. Viele jagen leichtfertig trotz unzureichender Schießfertigkeit. Es mangelt ihnen an Disziplin beim Schuss auf Wild. Häufig schießen sie auf zu große Entfernungen und verwenden überwiegend Bleimunition.
Gravierende Tierschutzprobleme bestehen gewiss nicht nur bei der Wasservogeljagd, sondern generell beim Schrotschuss auf sich bewegende Wildtiere, also Hasen, Kaninchen, Tauben, Fasanen etc..

Es ist also davon auszugehen, dass Jahr für Jahr in Deutschland Hunderttausende von jagdbaren Vögeln und Säugetieren angeschossen und nicht gefunden werden.

   
  Die AGNJ mahnt
  die Jägerschaft, nicht in Untätigkeit zu verharren und nicht länger die vermeidbaren Verletzungsrisiken für das Wild billigend in Kauf zu nehmen.
   
  Die AGNJ fordert
a.) die Abkehr vom „waidmännischen Gebot“, mit Schrot möglichst nur auf sich    bewegende Ziele zu schießen,
   
b.) die Pflicht zum regelmäßigen Training und zur jährlichen Schießprüfung für den Schrot- und Kugelschuss unter praxisnahen Bedingungen, o Üben der Entfernungsschätzung unter realistischen Bedingungen, o das Verbot der Jagdausübung mit Schrot- und/oder Kugelwaffe bei unzureichender Schießleistung, o das beschleunigte Umsteigen von Bleischrot und bleihaltigen Büchsengeschossen auf weniger giftige Munition für die Jagd,
   
c) die Pflicht zum Einsatz brauchbarer Jagdhunde bei jeder Jagd, o die Nachsuche eines jeden beschossenen Tieres.
   
  Die AGNJ empfiehlt
  die Jagd auf Niederwild vermehrt auch als gemeinschaftliche Ansitzjagd auf stehendes bzw. sich langsam bewegendes Wild durchzuführen.
   
  Die AGNJ regt an
  aus Mitteln der Jagdabgabe einer unabhängigen Institution in Deutschland den Auftrag zu erteilen, alle veröffentlichten Befunde zur Problematik des Schrotschusses und der Verwendung von bleihaltiger Munition zu sichten und daraus Empfehlungen für den Gesetzgeber und die Jägerschaft abzuleiten.

Text von von Dr. Günter Heidemann, AGNJ-SH
Arbeitsgemeinschaft Naturnahe Jagd e.V. Schleswig-Holstein AGNJ-SH
Landesverband des ÖJV  Beauftragter für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
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