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(Legaler) Muttermord auf der Jagd

Abschuss von Elterntieren – wo bleibt der Tierschutz?

Deutschlandweit diskutieren Förster, Waldbesitzer und Jäger über die Frage, wie intensiv Reh und Rothirsch gejagt werden sollten, damit neue Waldgenerationen möglichst schnell und vor Fraßeinwirkungen behütet heranwachsen können. Nun hat die Niedersächsische Landesregierung mit ihrem Vorschlag für ein neues Landesjagdgesetz tiefe Abgründe betreten: Laut ihrem Gesetzentwurf soll der Abschuss führender Elterntiere zukünftig nicht wie bisher als Straftat geahndet, sondern sogar vollständig legalisiert werden, wenn das Elterntier nicht mehr „erkennbar“ zur Führung seines Nachwuchses notwendig ist. „Dann dürften zum Beispiel Alttiere des Rotwildes erlegt werden, sobald ihre Kälber nicht mehr in ihrer unmittelbaren Nähe sind“, sagt Dr. Andreas Kinser von der Deutschen Wildtier Stiftung. Mehr noch: In der Begründung zum Entwurf des Landesjagdgesetzes fordert der Gesetzgeber dazu auf, das Verwaisen von Rotwildkälbern in Kauf zu nehmen, wenn die „wenigen Kälber in einem großen Rudel nicht mehr zuzuordnen sind“ und stattdessen Alttiere geschossen werden. „Mit ihrem Gesetzentwurf hat die Niedersächsische Landesregierung den Tierschutz auf dem Altar der Forstwirtschaft geopfert“, so Kinser weiter.
Dass der Abschuss von Elterntieren, die abhängiges Jungwild führen, bisher als Straftat bewertet wird, ist gut begründet: Verliert beispielsweise ein Rotwildkalb im ersten Lebensjahr sein Muttertier, wird es sofort aus dem Rudel ausgestoßen; durch Isolation und Führungslosigkeit verliert es an Gewicht und sein Gesundheitszustand verschlechtert sich rapide. Gerade in harten Wintern wie in den letzten Wochen fehlt den verwaisten und allein umherziehenden Kälbern die Führung des Alttieres, das aus Erfahrung günstige Futter- und Ruheplätze kennt. Bei hoher Schneelage haben mutterlose Rotwildkälber kaum eine Überlebenschance.
Zweifellos gehört es zu den größten Herausforderungen bei der Rotwildjagd, den notwendigen Anteil an Alttieren tierschutzgerecht zu erlegen. Die Deutsche Wildtier Stiftung fordert daher seit Jahren, bereits im Spätsommer mit der Jagd auf weibliches Rotwild zu beginnen. „Versierte Jäger haben dann gute Chancen, zunächst das Kalb und direkt danach das dazugehörige Alttier zu erlegen“, so Andreas Kinser. „Die ‚Produktion von Waisen‘ ist damit ausgeschlossen“. Tatsächlich hat Niedersachsen erst vor kurzem den Beginn der Jagdzeit für Alttiere und Kälber des Rotwildes auf den 1. August vorgezogen und damit die Möglichkeit für eine tierschutzgerechte Jagd ermöglicht. Allerdings: Deren Umsetzung ist mehr als fraglich. Denn bereits in den vergangenen Jahren gab es für einige Landkreise in Niedersachsen eine entsprechende Ausnahmegenehmigung. Trotzdem wurde nicht zuletzt in den rotwildreichen Gebieten der Lüneburger Heide kaum ein weibliches Tier im August erlegt. Offenbar ist die Niedersächsische Landesregierung also eher gewillt, den Tierschutz zu opfern, als ihre eigenen Förster anzuweisen, bereits im August weibliches Rotwild zu erlegen.

Der Gesetzentwurf für ein neues Niedersächsisches Jagdgesetz ist noch bis Mitte März in der Verbändeanhörung.

 Jenifer Calvi
Pressereferentin
Deutsche Wildtier Stiftung

Jagdrecht verkürzen?

Schneehühner

Schneehühner

Liebe Leserin, lieber Leser

Die Bergbevölkerung fühlt sich mit dem Thema Wolf zunehmend allein gelassen. Ursprünglich war ja der Wolf Auslöser der Jagdgesetz-Revision. Doch zum grossen Thema im letztjährigen Abstimmungskampf wurden andere Arten wie Feldhase, Schneehuhn, Birkhuhn, Schnepfe, etc. So wie es aussieht, wollen die Wolfsschützer diesen Weg weiter beschreiten. So sicherte Urs Leugger, Zentralsekretär von Pro Natura, im RUNDSCHAU-Interview (SRF) vom 3. Februar 2021 wohl zu, Hand für eine Senkung der Schwellenwerte zum Abschuss von Wölfen zu bieten. Dies aber nur unter der Bedingung, dass gewisse bedrohte Tierarten künftig vom Jagdrecht ausgenommen würden. Im Interview fiel auch das Wort «Deal». Dabei haben sich mir ehrlich gesagt die Nackenhaare gesträubt. Bekamen wir doch diese Formulierung in der Vergangenheit immer wieder von einem amerikanischen Politiker zu hören. Leuggers Forderungen kommen für mich eher einer Erpressung nahe, und sie dienen auch dazu, Landwirtschaft und Jagd gegeneinander auszuspielen. Laut aktuellem Jagdgesetz können die Kantone schon heute Schonzeiten für jagdbare Arten verlängern oder deren Bejagung begrenzen. Und der Bundesrat kann die Liste der jagdbaren Arten gesamtschweizerisch beschränken, wenn es zur Erhaltung bedrohter Arten notwendig ist. Wenn das Gesetz in diesen Punkten nicht umgesetzt wird, dann ist dies eben einzufordern. Dafür braucht es nicht einen neuen (missratenen?) «Deal». Ähnlich sieht es wohl die Umweltkommission des Ständerates. Sie hat sich vor Kurzem gegen eine Revision des Jagdgesetzes ausgesprochen. Betreffend Wolf soll vielmehr der Handlungsspielraum der heutigen Gesetzgebung ausgeschöpft werden.

Herzlich

Ihr Markus P. Stähli
Chefredaktor JAGD&NATUR

 

 

 

 

Unfälle mit Wildtiere

TAGESZEITUNG ONLINE: Der Jahrhundertwinter und außergewöhnlich viele Sportler im freien Gelände: Diese beiden Faktoren machen den Wildtieren heuer schwer zu schaffen. Der viele Schnee erschwert die Nahrungssuche, vermehrt steigen die Tiere in die Tallagen ab und suchen in unmittelbarer Umgebung von Wohnhäusern und Straßen nach Essbarem.

Gefahr aus dem Wald

Der Wald. Ein Freizeitpark?

Wenn flüchtende Wildtiere Mountainbiker und Wanderer für „Fressfeinde“ halten  

Lockdown-Müde zog es die Menschen beim ersten Schnee während der Covid-Pandemie trotz behördlicher Warnungen und Straßensperrungen in die Naherholungsgebiete. Der Massenansturm von Rodlern, Wanderern und Freizeitsportlern schien nicht zu stoppen. Eltern zogen Kinder im Schlitten durch den Wald, Hundehalter ließen ihre Tiere ungehindert stöbern. Jogger und Mountainbiker starteten mit Stirnlampen ausgerüstet ihre Querfeldeintour bereits in der morgendlichen Dämmerung. „Es ist zwar schön, dass die Menschen in den schweren Zeiten des Lockdowns die Natur wieder entdecken“, sagt Prof. Dr. Klaus Hackländer, Vorstand der Deutschen Wildtier Stiftung. „Doch der Mensch sollte sich dort wie ein Gast benehmen. Der Wald ist auch die Wohnung der Wildtiere.“
Der Wald. Ein Freizeitpark? Was bedeutet das für das Wohlbefinden der Wildtiere? Die Antwort ist: “Purer Stress!“ Für Prof. Dr. Klaus Hackländer, Vorstand der Deutschen Wildtier Stiftung “sind Sport, Spaß und Spiel im Wald für Wildtiere unkalkulierbare Störungen. Sie nehmen den Menschen als potentiellen Prädatoren wahr, vor dem sie flüchten müssen.“
Wenn der Mensch in Massen in den Wald drängt, geraten Wildtiere ins Hintertreffen. Zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten belegen die negativen Effekte der Störungen durch den Menschen. So hat das Schweizer Institut für Evolutionsbiologie und Umweltwissenschaft in Zürich eine wissenschaftliche Studie (Effect of Recreational Trails on Forest Birds) an Waldwegen durchgeführt und festgestellt, dass Vögel durch den Menschen stark beeinträchtigt werden. 13 Prozent meiden aufgrund der Störungen dauerhaft die Wege.
Die negativen Konsequenzen der Beunruhigung im Wald sind vielschichtig und gerade in den Wintermonaten besonders dramatisch. „Die Störung fällt in die nahrungsarme Zeit, in der viele Wildtiere ihren Stoffwechsel heruntergefahren und dadurch angepasst haben, um bei Kälte Energie zu sparen“, erläutert Prof. Dr. Hackländer. „Flucht kostet Kalorien, die ein Wildtier wie beispielsweise der Rothirsch über Nahrung im Winter nur unzureichend wieder aufnehmen kann.“ Die Folge: Rotwild dringt immer tiefer in den Wald ein, wo die Pflanzenfresser dann Fraßschäden in Wirtschaftswäldern verursachen. Das wiederum verschärft den Konflikt zwischen Menschen und Wildtieren.
„Es geht der Deutschen Wildtier Stiftung nicht darum, Menschen aus der Natur zu verbannen“, sagt der Vorstand der Stiftung. Prof. Dr. Hackländer fordert vielmehr Rücksichtnahme auf Wildtiere. „Wer mit dem Mountainbike querfeldein unterwegs ist, wirkt auf Wildtiere wie ein jagender Fressfeind. Die Störung durch einen Wanderer ist damit nicht zu vergleichen.“ Doch wie lassen sich die Interessen der Menschen und die der Wildtiere vereinbaren? Wie muss ich mich verhalten, damit ich Wildtiere nicht beunruhige? Prof. Dr. Hackländer: „Meiden Sie vor allem die Dämmerung; das ist die Zeit, in der viele Wildtiere die Ruhe im Wald nutzen, um nach Nahrung zu suchen. Bleiben Sie auf den Wegen, halten Sie Hunde kurz angeleint und verfolgen Sie keine fliehenden Wildtiere für ein Handyfoto – und erklären Sie Kindern, dass die Beobachtung von Wildtieren auch ohne Lärm spannend sein kann.“
Der Wald. Ein Freizeitpark? Verfolgen Sie die Podiumsdiskussion mit Prof. Dr. Klaus Hackländer, Vorstand der Deutschen Wildtier Stiftung, im Livestream auf der Webseite boku.ac.at. Sie findet in prominenter Besetzung (u. a. mit Elisabeth Köstinger, der österreichischen Bundesministerin für Landwirtschaft, Regionen und Tourismus) am Dienstag, 26. Januar, um 17 Uhr im Grünen Salon der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) statt. 

Jenifer Calvi
Pressereferentin
Deutsche Wildtier Stiftung
Christoph-Probst-Weg 4
20251 Hamburg

J.Calvi@DeWiSt.de