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HERDENSCHUTZ IN DER SCHWEIZ AM LIMIT

In der Schweiz läuft es gut mit dem Herdenschutz, das ist eine bekannte Aussage von Wolfsbefürwortern. Der Almwirtschaftliche Verein Oberbayern hat mit Marcel Züger, einem fundierten Kenner der Schweizer Wolfssituation, ein Interview geführt. Er ist Dipl. Biologe der ETH Zürich und Inhaber eines Ökobüros in Salouf im Kanton Graubünden. Das Interview hat zwei Teile, wovon einer später veröffentlicht wird.

Herr Züger, wie stehen Sie zum Wolf?
Vor 25 Jahren hatte ich noch geschrieben, wir sollen dem Wolf «eine würdige Rückkehr in seine alte Heimat» ermöglichen. Als 2012 die ersten Welpen in der Schweiz bekannt wurden, habe ich mich riesig gefreut. Ich hatte daran geglaubt, wie uns der Wolf beschrieben wurde. Er ist aber ganz anders. Die Probleme, die noch auf uns zukommen, sind gigantisch.

Wie meinen Sie das?
Menschenscheu, nachtaktiv, ein einfacher Zaun oder die Anwesenheit eines Hundes halten ihn fern, so war es uns beschrieben worden. Und so ist der Wolf auch, aber nur in Gegenden, wo er stark bejagt wird. Wölfe sind enorm lern- und anpassungsfähig. Sie lernen, auch ausgeklügelte Herdenschutzmassnahmen zu umgehen. Wenn sie merken, dass vom Menschen keine Gefahr droht, werden sie immer dreister. Wölfe verhalten sich wie eine Jugendgang. Sie testen die Grenzen aus und wenn sie keine spüren, gehen sie immer weiter.
Scheu zu sein, war für Wölfe über Jahrhunderte die richtige Überlebensstrategie – solange sie bejagt wurden. Das führte zum einen zu einer genetischen Selektion, und zum anderen zu einem fortwährenden Lernprozess. Heute gilt das Gegenteil: Den Frechen gehört die Welt! Die Wölfe merken, dass sie vom Menschen nichts zu befürchten haben und werden immer dreister. Für sie ist unsere Landschaft wie ein Selbstbedienungsladen ohne Kasse.
Der nächste Schritt ist absehbar. Wenn die Wölfe lernen, dass sie mit Aggressivität noch einfacher zum Ziel kommen, dann werden sie zu einer echten Gefahr für die Bevölkerung, allen voran für Kinder.

Falls es gelänge eine Rudelbildung zu unterbinden, müssten die Problem doch überschaubar sein. Wie sehen Sie das?
Der Wolf wurde auch uns als Bewohner ausgedehnter, ruhiger Waldlandschaften beschrieben. Die Schweiz habe Potenzial für höchstens ein paar wenige Rudel. Das fusst auf einem fulminanten Irrtum: In Osteuropa war der Wolf tatsächlich in solch abgelegenen Gebieten zu Hause. Ganz einfach, weil er in der bäuerlich genutzten Kulturlandschaft bekämpft wurde. In der Kulturlandschaft findet er sich hingegen sehr wohl zurecht. Er braucht zwei Dinge: genug Nahrung und einen ruhigen Rückzugsort, solange die Welpen klein sind. Nahrung findet er in Europa fast überall und ist hier auch nicht wählerisch. Er braucht nicht zwingend Hirsch und Reh, er frisst, was ihm vor die Schnauze kommt. Das können Füchse, Nagetiere oder Essensreste sein, oder eben Nutztiere genauso wie Hunde und Katzen. Über kurz oder lang rechne ich damit, dass er kaum noch einen ruhigen Rückzugsort braucht. Je mehr er sich an den Menschen gewöhnt, desto mehr wird er sich in unserer unmittelbaren Nachbarschaft niederlassen.
Als Vergleich: Bei uns im Bergdorf werden die Füchse bejagt, sie kommen nur höchst selten ins Dorf. In den Städten wird ihnen kein Haar gekrümmt, und sie ziehen dort ihre Junge auf. Denselben Weg wird der Wolf wohl auch nehmen, wenn wir ihn frei gewähren lassen. Mit dem Unterschied, dass das ziemlich ungemütlich werden kann – und zwar für uns und nicht für ihn!

Die Entwicklung ist in Bayern noch ganz am Anfang. Sehen Sie Parallelen zur Schweiz?
Der erste Einwanderer in der Schweiz wurde 1995 beobachtet. Bis zur ersten Reproduktion vergingen fast 20 Jahre. Soviel Zeit wird ihnen in Bayern nicht bleiben. Häufiger ist es, dass sich 2-3 Jahre nach den ersten Beobachtungen Rudel bilden.
In der Schweiz sind derzeit 15 Rudel offiziell bestätigt, wahrscheinlich kommen noch etwa 5 weitere Rudel dazu. Betroffen sind vor allem die Bergkantone Graubünden, Glarus, Wallis und Waadt. Die Ausbreitung geschieht rasch, mit einem Wachstum von 30-40% pro Jahr. Also eine Verdopplung alle 2-3 Jahre. Wenn die Entwicklung so weitergeht, wird die Schweiz innert rund 15 Jahren flächendeckend besiedelt sein. Mit einer durchschnittlichen Reviergrösse von etwa 250 km².
Das Bestandswachstum ist das eine. Zum anderen gibt es immer mehr Problemwölfe, die den Herdenschutz überwinden oder Grossvieh angreifen. Wobei «Problemwolf» eigentlich nicht den Kern trifft, denn sich anzupassen, ist das natürliche Verhalten. Jeder Wolf hat das Potenzial, zum Problemwolf zu werden. Mit dem Nicht-Management, das in ganz Europa betrieben wird, züchten wir Wolfs-Tyrannen. Der Wolf ist kein «Bösewicht», nur unser Laisser-faire macht ihn dazu.

Was verstehen Sie unter Nicht-Management?
Die Forderung der Wolfsschützer ist, dass sich die Wölfe ungehindert ausbreiten können. Wo sie auftreten, müssen die Weidetiere geschützt werden, und nur in ganz wenigen Ausnahmefällen dürften Wölfe abgeschossen werden. Das führt zu einem Wettrüsten, die Herdenschutzmassnahmen müssen aufwändiger werden: Mehr Hunde, mehr und höhere Zäune, mehr Aufwand für die Hirten und Tierhalter und im Gegenzug weniger Weide und dafür mehr Stallhaltung.
Zusätzlich verlagert sich das Problem mittlerweile. Zunächst war nur Kleinvieh betroffen, aber viele Schafherden wurden daraufhin in den letzten Jahren geschützt. Die Wölfe greifen nun das nächstschwächere, ungeschützte Opfer an, nämlich Jungrinder. Wölfe erlegen so wehrhafte Tiere wie Bisons oder Elche. Es liegt auf der Hand, dass sämtliche Nutztiere bis hin zur ausgewachsenen Kuh im Beutespektrum der Wölfe liegen. Dass Grossvieh gefährdet ist, wird teilweise noch immer geleugnet. Auch die Idee, Esel oder Alpakas als Herdenschutz einzusetzen, hält sich hartnäckig. Das ist Humbug. Sie dienen höchstens als gezielte Ablenkfütterung.
Der einzige wolfssichere Zaun war der Eiserne Vorhang zwischen West- und Ostdeutschland. Alles andere wird früher oder später überwunden.

Wie sieht es mit Herdenschutzhunden als Abwehr aus?
Aktuell profitieren wir noch vom Vergrämungs-Effekt der Hunde auf den Wolf. Dass dies dauerhaft funktioniert, ist eine Illusion. Auch hier gilt: Die Wölfe werden lernen, die Hunde auszutricksen. Oder sie als Nahrung zu nutzen, wie es stellenweise in Russland schon der Fall ist.
Die Herdenschutzhunde in der Schweiz werden zwar nach bestem Wissen und Gewissen ausgebildet. Diese Hunde sind wie Soldaten nach der Rekrutenschule. Draussen geht es aber eher zu wie in Afghanistan. Damit die Hunde gegen ein geübtes Wolfsrudel eine Chance hätten, bräuchte es im Kampf ein Verhältnis von 1:1. Ausserdem müssten unsere Hunde viel «schärfer» sein. Im Vergleich zu Herdenschutzhunden in Osteuropa oder der Türkei wirken unsere wie Schosshunde. Dort sind die Schafherden in weiten Landschaften unterwegs und die Hunde begleiten die Herde wie ein Sicherheitsteam einen Goldtransport. Alles was in die Nähe kommt wird vertrieben – ob Wolf oder Mensch. Bei uns haben die Herdenschutzhunde eine unlösbare Aufgabe. Sie sollen unterscheiden zwischen «bösem» Wolf und «liebem» Hund und zwischen galoppierendem Wolf und galoppierendem Jogger? Das ist unmöglich.

Was heisst das für den Tourismus?
Zunächst: Es geht nicht nur um Schafalpen, sondern alle Tiergattungen sind betroffen. Mutterkühe werden aggressiver, erst recht, wenn sie ein Kalb führen. Gleichzeitig haben immer mehr Wanderer keine Ahnung von der Natur. Sie durchqueren Kuhherden oder wollen Kälbchen streicheln. Das war schon immer riskant, wird jetzt aber lebensgefährlich. Auch für die Bauern kann das schlimm enden, wenn vormals umgängliche Kühe zu aggressiven Furien werden. Bei uns gab es schon mehrere Vorfälle, wo erfahrene Bauern nur mit letzter Not fliehen konnten.
Dafür müssen nicht einmal direkte Angriffe passieren. Ein Beispiel vom vergangenen Jahr: Drei Wölfe hatten ein Gamsrudel gehetzt. Die Hatz ging in rasender Geschwindigkeit auch durch eine Rinderweide. Die Rinder stoben natürlich in alle Richtungen auseinander und rissen die Weidezäune nieder. Kollisionen mit Personen oder auch Fahrzeugen sind hier vorherseh- und erwartbar.
In touristisch genutzten Gebieten wird es nur noch ein Entweder – Oder geben. Entweder Beweidung mit intensivem Herdenschutz, oder Tourismus mit Wanderern und Bikern – dann ist aber Herdenschutz nicht verantwortbar. Für den Tourismus ist nicht so sehr der Wolf selbst eine Gefahr, sondern die Herdenschutzmassnahmen. Mir graut vor der Kluft, die sich zwischen Tourismus und Landwirtschaft auftun könnte, denn beide sind aufeinander angewiesen. Der Tourismus schätzt die gepflegte Landschaft, die Landwirte die Abnehmer ihrer hochwertigen Produkte.

Pressebericht: SAMERBERGER NACHRICHTEN
Bericht und Fotos: Almwirtschaftlicher Verein Oberbayern e.V.

Toter Wolf auf der Straße in Mühlbach

Am Mittwochfrüh um 2:15 Uhr hat ein Autofahrer einen toten Wolf auf der Straßenanbindung von Mühlbach an die Pustertaler Staatsstraße gefunden. Dies teilt das Landesamt für Jagd und Fischerei mit.
Ein vorbeifahrender Autofahrer hat am Mittwoch, 19. Jänner, in den frühen Morgenstunden einen toten Wolf auf der Straße in Mühlbach gefunden. Der Wolf lang auf der Straße, die vom Dorf Mühlbach Richtung Pustertaler Staatsstraße (SS49) führt. Das Raubtier war wahrscheinlich angefahren worden und infolgedessen gestorben. Laut Bericht des Landesamts für Jagd- und Fischerei wurde keine Anzeige erstattet. Bei dem Wolf handle es sich um ein “junges, wahrscheinlich zwei Jahre altes Männchen mit einem Gewicht von 38,4 Kilo, das offenbar bei bester Gesundheit war”, sagt Land- und Forstwirtschaftslandesrat Arnold Schuler.
Der Tierkadaver wurde gestern Abend in eine Zelle des Pfunderer Wildgeheges gebracht, wo er anschließend abgeholt und zum Amt für Jagd- und Fischerei in Bozen gebracht wurde. Die Techniker dort haben biometrischen Messungen vorgenommen. Heute wird der Wolf für die vorgesehenen Gesundheitschecks ins Zooprophylaktische Institut gebracht. Für genetische Tests werden die Gewebeproben an die Edmund-Mach-Stiftung von San Michele all’Adige geschickt. So will man herausfinden, ob es sich erstens um ein bereits zuvor beprobtes Tier handelt oder zweitens um einen jungen Wolf, der sich von einem Südtiroler Rudel entfernt hat, oder drittens ob es ein Wolf ist, der aus einem anderen Gebiet in den Alpen stammt.
Im Winter sind gerade junge Wölfe, die das Rudel kürzlich verlassen haben, gefährdet, Opfer von Unfällen mit Fahrzeugen zu werden, da sie noch unerfahren sind und sich das Risiko nicht erkennen.

Landesrat Arnold Schuler betont: “Es ist wichtig, einzugreifen und Maßnahmen im Rahmen des Managements von Großraubwild wie Bären und Wölfe zu setzen. Wir kämpfen weiter auf allen Ebenen, um dieses Ziel zu erreichen.”

Quelle: Landespresseamt np/san  20.01.2022, 10:49